Hymarket Riot
Quelle: picture-alliance / United Archives/TopFoto

Der Tag der Arbeit

"Man kann nicht ewig wie ein Stück Vieh leben." August Spies hält eine Rede auf dem Heumarkt in Chicago. In den Tagen darauf entscheidet sich das Schicksal der US-amerikanischen Arbeiterbewegung.

Spies, 30 Jahre alt, ist Herausgeber und Chefredakteur der "Arbeiter-Zeitung". Er stammt aus der Rhön und ist, wie Hunderttausende andere Deutsche auch, in die USA ausgewandert. Demokraten fliehen vor Verfolgung und Zensur. Arme hoffen auf Aufstieg und Arbeit im "Land der Freien und Gleichen".

Schließlich haben die USA das Licht der Aufklärung entfacht. In ihrer Unabhängigkeitserklärung bekennen sie sich seit 1776 zur allgemeinen Gültigkeit der Menschenrechte: für jeden! Durch die Eroberung des bis dahin von Indianern bewohnten Westens werden sie im 19. Jahrhundert zum "Land der unbegrenzten Möglichkeiten".

Das Land der unbegrenzten Ausbeutung
Städte wie Chicago wachsen von Tag zu Tag. Überall entstehen neue Fabriken. Doch die Bezahlung ist erbärmlich. Eine Arbeitszeitbegrenzung gibt es nicht. Die Industriereviere sind Orte der unbegrenzten Ausbeutung.

Einwanderer bringen die Ideen des Sozialismus mit: Freiheit nicht nur für Fabrikbesitzer. Gerechtigkeit. Solidarität. Nach deutschem Vorbild entstehen Arbeiterbildungsvereine und deutschsprachige Zeitungen wie das "Unabhängige Organ für die Interessen des Volkes". So nennt sich die Chicagoer "Arbeiter-Zeitung" im Untertitel.

Spies und seiner Zeitung verdankt die entstehende Arbeiterbewegung der USA ihren ersten spektakulären Erfolg. Ein Unternehmen, das seine streikenden Arbeiter ausgesperrt hat, sucht per Annonce rund tausend Ersatz-Arbeiter: Streikbrecher. Üblicherweise werden solche Stellen schnell besetzt; aus den Reihen frisch eingetroffener Auswanderer aus Europa.

Eine Zeitung ruft zur Solidarität auf
Doch die Arbeiter-Zeitung ruft dazu auf, die Stellenangebote nicht anzunehmen. Es melden sich nur 300 Interessenten. Das spricht sich schnell herum und macht Arbeitervereinen überall in den USA Mut, einen landesweiten Streik auszurufen. Ziel ist die Einführung eines Achtstundentags. In Chicago beginnen die Aktionstage mit der Kundgebung auf dem Heumarkt (Haymarket).

Schon vor dem Streik hetzen unternehmerfreundliche Zeitungen gegen die Arbeiterbewegung. Die "Chicago Mail" ruft dazu auf, ein Exempel zu statuieren – an den Anführern der Streikbewegung, namentlich an August Spies und anderen Redakteuren der "Arbeiter-Zeitung", sollte es zu Gewalttaten kommen.

Der friedlichen (!) Kundgebung am 1. Mai 1886 folgen Streiks und weitere Versammlungen. Am 3. Mai erschießen Polizisten mehrere Arbeiter. Am folgenden Tag detoniert eine Bombe inmitten der demonstrierenden Menschenmenge. Unter den vielen Toten und Verletzten sind auch Polizisten. Die Kundgebung artet zur blutigen Schlacht aus. Polizisten feuern in die Menge. Hunderte von Demonstranten werden zum Teil

schwer verletzt, einige Dutzend sterben. Es ist ein Massaker. The Haymarket Massacre. Die Kunde davon eilt um die Welt.

Ein Justizmord
Niemand weiß, wer die Bombe geworfen hat. Bis heute nicht. Statt nach Tätern zu suchen, nimmt die Polizei angebliche Rädelsführer fest, darunter August Spies. Die meisten sind wie er deutscher Herkunft.

Ein Gericht verurteilt Spies und sechs andere zum Tode. Nicht etwa, weil ihnen irgendeine Gewalttat zur Last gelegt werden kann. Sondern weil ihre Ideen den unbekannten Bombenleger zu dessen Tat ermuntert haben sollen. Die kapitalistische Kampfpresse stempelt die Verurteilten als gefährliche Anarchisten ab. Am 11. November 1887 werden August Spies, Albert Parsons, George Engel und Adolph Fischer erhängt. Am Vortag schon stirbt Louis Lingg – 1864 in Schwetzingen als Ludwig Höfler geboren – einen qualvollen Tod in der Gefängniszelle. Angeblich hat er mit einer dynamitgefüllten Zigarre Selbstmord begangen.

Ein Ruf aus Paris
Der offenkundige Justizmord lähmt die junge amerikanische Arbeiterbewegung. In der öffentlichen Wahrnehmung wird sie sich nie von dem Ruf befreien, mit anarchistischer Gewalt im Bunde zu sein. Die USA haben bis heute keine nennenswerte sozialdemokratische Partei.

1893 annulliert der Gouverneur des US-Staats Illinois, John Peter Altgeld, das Urteil. Wichtige Geldgeber fühlen sich verprellt. Er sieht sich rüden Attacken ausgesetzt. Die nächste Wahl wird er verlieren.

Beim Gründungskongress der Zweiten Internationale 1889 in Paris ist die Erinnerung an das Heumarkt-Massaker höchst lebendig. Die Kongressteilnehmer rufen dazu auf, am 1. Mai 1890  "gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten" auf die Straßen und Plätze zu gehen, zur Erinnerung an die Märtyrer von Chicago. Der "Kampftag der Arbeiterklasse" ist geboren.

Politik durch die Blume
Am 1. Mai 1890 ist in Bismarcks Deutschem Reich noch das Sozialistengesetz in Kraft. Die Sozialdemokratie gilt als "gemeingefährlich" und kann nicht legal demonstrieren.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD, 3.v.r.), nimmt am Samstag (01.05.2010) in Berlin an der Kundgebung des DGB zum 1. Mai teil.(Quelle: dpa)

Aus dem Untergrund heraus – aus Arbeiterbildungs- und Arbeitersportvereinen – wird die Parole ausgegeben: Geht auf die Straße und steckt Euch eine rote Nelke ins Knopfloch! Überall sind am 1. Mai 1890 rote Nelken zu sehen. Die Polizei kann Blumen nicht verhaften. Ein halbes Jahr später läuft das Sozialistengesetz aus und wird nicht mehr verlängert. Die Partei der Arbeiterbewegung kehrt in die Legalität zurück und gibt sich einen neuen Namen: SPD.

1919, nach der Ausrufung der Republik, versucht die SPD, den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu erheben. Der Vorschlag scheitert an konservativen Parteien und mangelnder Einigkeit der Arbeiterbewegung. Die USPD stimmt aus taktischen Motiven dagegen.

Die Nazis pervertieren die Idee
Hitler stiehlt die Idee und erklärt den 1. Mai 1933 zum "Feiertag der nationalen Arbeit". Gleich am 2. Mai lässt er die Gewerkschaften verbieten. Die DDR feiert den 1. Mai nach sowjetischem Vorbild mit Militärparaden – was die SED nicht davon abhält, vom "Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus" zu sprechen.

In der Bundesrepublik wird der 1. Mai als "Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“ begangen. Er ist ein gesetzlicher Feiertag.

Die Kundgebungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am 1. Mai 2013 stehen unter dem Motto: "Unser Tag: Gute Arbeit. Sichere Rente. Soziales Europa". In Chicago erinnert – nach Jahrzehnten erbitterten Streits – ein Denkmal auf dem Waldheim-Friedhof an die "Heumarkt-Märtyrer".

Einer der letzten Sätze August Spies‘ war: "Die Zeit wird kommen, wo unser Schweigen stärker ist als die Stimmen, die Sie heute erdrosseln." (uk)

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