Die Naturfreunde treffen sich zum Wandern. Entgegen der Wandervögel sind sie eine politische Organisation.
Quelle: AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung

Die Naturfreunde erfinden rot-grün

Wandern ist politisch. Und es macht in der Gruppe viel mehr Spaß.

Georg Schmiedl (1855-1929) ist ein begeisterter Lehrer und Sozialdemokrat. Außerdem wandert er gern. Besonders, wenn er dabei diskutieren und so sein Denken schärfen kann. Was voraussetzt, dass er nicht alleine wandern muss.

Am Freitag, 22. März 1895, schaltet Schmiedl eine Anzeige in der Wiener "Arbeiterzeitung":

"Naturfreunde werden zur Gründung einer touristischen Gruppe eingeladen"

Schmiedl erhält rund 30 Zuschriften. Heute zählen die Naturfreunde weltweit eine halbe Million Mitglieder. Sie sind damit eine der größten NGOs – Nichtregierungsorganisationen – der Welt. Auf ihrer Homepage werben sie: "Gemeinsam geht es besser" und "Wir freuen uns auf Dich!"

"Berg frei!"
Wandern in der Natur, wie Schmiedl und die Naturfreunde es verstehen, dient nicht nur der Erholung und dem Staunen. Wandern ist politisch. Damit unterscheiden sie sich von den später gegründeten Wandervögeln und anderen konservativen Naturliebhabern. Ihr Gruß ist "Berg frei!" statt: "Berg heil!"

Naturfreunde sind egalitär und wollen in einer freien, gerechten Gesellschaft leben. Wo man sorgsam mit Menschen und mit der Natur umgeht. Sie sind gegen jede Form der Ausbeutung. Sie sind grüne Rote, lange bevor Rot-Grün erfunden wird. 1972 schreiben sie in ihre Leitsätze: "Alle ökonomischen Maßnahmen sind ökologischen Notwendigkeiten unterzuordnen."

Fortan tragen Naturfreunde ökologisches Denken in die befreundete Sozialdemokratie hinein. Sie propagieren konsequenten Umweltschutz. Sie engagieren sich von Beginn an in der Anti-Atomkraft-Bewegung.

Von Nazis verboten, von den Sowjets unterdrückt
In der Nazi-Diktatur werden die Naturfreunde verboten, ihre Häuser werden konfisziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen sie in der Bundesrepublik und in Österreich abermals. In der sowjetischen Besatzungszone wird ihre Wiedergründung verhindert – bis 1989. Ideen sind zäh. 

Am 21. Dezember 1989 folgen einige Bürger der zerfallenden DDR dem Beispiel Schmiedls und veröffentlichen einen Aufruf zur Gründung der "Naturfreunde der DDR" – im "Neuen Deutschland", dem Zentralorgan der Staatspartei. Die Bürger, die das tun, sind Mitglieder des Fachausschusses Touristik und Wandern des Kulturbundes der DDR.

In Naturfreundehäusern können Wanderer preiswert übernachten. Sie bieten sich als herrlich gelegene Bildungsstätten an. Rund 1000 solcher Häuser gibt es weltweit, 400 allein in Deutschland – längst auch wieder auf dem Gebiet der früheren DDR.

Die Naturfreunde Deutschland haben ihren Sitz in Berlin, die Naturfreunde Internationale ist in Schmiedls Heimatstadt Wien zu Hause. Das Emblem der Naturfreunde verbindet das von der SED missbrauchte Symbol der frühen Arbeiterbewegung – zwei ineinander verschränkte Hände – mit drei Alpenrosen. Entworfen hat es in seiner Urform der Naturfreund und SPÖ-Politiker Karl Renner (1870-1950). Renner ist in den 1920er Jahren österreichischer Staatskanzler, von 1945 bis zu seinem Tod Bundespräsident der Republik Österreich. (uk)

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