Die Immobilienblase in den USA platzt und löst eine weltweite Finanzkrise aus.
Quelle: imago

Pleite an der Wall Street löst globale Finanzkrise aus

Pressekonferenz im Bundeskanzleramt. An einem Sonntag! Eilig einberufen. Die Bundesregierung erklärt: Die Spareinlagen sind sicher.

Das hat es noch nie gegeben: Die rechtliche Grundlage, ja, die genaue Bedeutung der Erklärung bleibt im Ungewissen. Aber: der Auftritt hat den gewünschten Effekt. Am Montag findet kein Ansturm der Sparer auf die deutschen Banken und Sparkassen statt.

Genau diese Gefahr ist am Wochenende real. Drei Wochen zuvor ist eine der bedeutendsten Investmentbanken der Welt zusammengebrochen: Lehman Brothers sucht am 15. September Schutz unter "Chapter 11" des US-amerikanischen Insolvenzrechts.

Panik bricht aus
Schon seit dem Vorjahr herrscht höchste Alarmbereitschaft an den internationalen Finanzmärkten. Die Lehman-Pleite löst jetzt eine Panik aus. Banken verlieren das Vertrauen in Banken. Finanzströme, für eine verflochtene Wirtschaft so wichtig wie Öl im Getriebe, stocken oder kommen ganz zum Erliegen.

Auslöser der Krise ist das Platzen einer gewaltigen Spekulationsblase in den USA. Jahrelang haben sich Banken im Herausgeben von Hypothekendarlehen überboten. Immobilienpreise schossen ins Unermessliche. Auch Menschen ohne festes Einkommen wurden Kredite förmlich nachgeworfen: Sie könnten ja ihr damit finanziertes Haus bald mit großem Gewinn verkaufen, alle Schulden wieder los sein – und Gewinn machen!

Die Banken bündeln "faule Kredite" zu Wertpapieren mit geheimnisvollen Namen und verkaufen sie schnell weiter. Selbst deutsche Regionalbanken werden zu Gläubigern von Hauskäufern im Hinterland der USA. Ein Schneeballsystem nach dem Motto: schnell Reibach machen und andere auf den Forderungen sitzen lassen!

Hohe Prämien betäuben das Gewissen der Banker
Denn das ist klar: Sobald die Hauspreise nicht mehr steigen, werden Kredite nicht mehr "bedient", und die Blase platzt. Die Akteure in den Banken wissen das genau, aber sie kassieren Boni und schweigen. 2007 ist es soweit. 

Die US-Regierung springt ein und rettet „systemrelevante“ Großbanken wie Bears Stearns und Fannie Mae. Doch als im September 2008 auch Lehman Brothers, einer der großen "Player" der Wall Street, abermals Milliardenverluste abschreiben muss, entscheidet US-Finanzminister Henry Paulson: Genug ist genug. Lehman wird in die Pleite geschickt. 25.000 Angestellte verlieren über Nacht ihre Jobs.

Und dabei bleibt es nicht. Lehman pflegt Geschäftsbeziehungen rund um den Globus – zu  Bankhäusern, die jetzt ihrerseits Kredite abschreiben müssen und vor der Insolvenz stehen. 

Jahrelang hat die Finanzwirtschaft sich für Lockerungen der Bankenaufsicht eingesetzt. Jede Form staatlicher Regulierung galt als Teufelswerk. Jetzt rufen Banker nach dem Staat. Sie rufen um Hilfe.

Wiederentdeckt: Der starke Staat
Chef des deutschen Bundesfinanzministeriums ist Peer Steinbrück. Er tritt mit Kanzlerin Merkel am 5. Oktober vor die Presse. Sein Erscheinen, seine Gewissheit, die Krise werde sich meistern lassen, wecken Vertrauen. Die deutschen Sparer behalten die Nerven.

Wo Banken sich weigern, anderen Banken Darlehen zu gewähren, springt der Staat ein. Im Blitztempo werden Milliardenfonds aufgelegt. Das Finanzsystem wird vor dem Kollaps bewahrt. Arbeitsminister Olaf Scholz hilft Unternehmen, die kurzfristig unterfinanziert sind, wertvolle Mitarbeiter zu halten – dank großzügig gewährtem Kurzarbeitergeld der Agentur für Arbeit. Rasch umsetzbare Konjunkturprogramme ("Abwrackprämie", Geld für Kommunen) federn den tiefen Einbruch der Wirtschaft ab.

Viele Staaten verschulden sich gewaltig, um Banken und das Finanzsystem zu retten. Die Folge ist eine Staatsschuldenkrise, die 2013 noch längst nicht bewältigt ist. Die Lösung der Krise wird 2008 nur vertagt. (uk) 

Lesetipp: Peer Steinbrück: Unterm Strich, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010.

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