Aufstand des 17. Juni in der DDR. Arbeiter der DDR demonstrieren mit deutschen Flaggen am Brandenburger Tor in Berlin.
Quelle: SZ Photo / Ralph Hattenbauer

Der erste Riss im Ostblock

Der Aufstand vom 17. Juni ist eine Volkserhebung, die erste im sowjetischen Lager. Sowjetische Divisionen schlagen sie blutig nieder, und die DDR-Propaganda redet sie zu einem "konterrevolutionären Putschversuch" herunter.

Am 16. Juni 1953 legen Arbeiter auf zwei Baustellen in Ostberlin die Arbeit nieder. Sie demonstrieren gegen verschärften Arbeitsdruck in der DDR, skandieren aber auch: "Kollegen, reiht Euch ein, wir wollen freie Menschen sein!" Am nächsten Tag beginnt die erste Volkserhebung im sowjetischen Machtbereich. Sechzehn sowjetische Divisionen schlagen sie schließlich blutig nieder, und die DDR-Propaganda redet sie zu einem "konterrevolutionären Putschversuch" herunter.

Vor allem der RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) Berlin verbreitet die Nachricht von der Demonstration – und den Aufruf der Arbeiter, am nächsten Tag massenhaft auf die Straße zu gehen. Die Reaktion ist überwältigend. 


Briefmarke zum 50. Jahrestag des Aufstands (Quelle: dpa)

Die Historikerin Beatrix Bouvier:
"Zwischen dem 16. und 21. Juni beteiligten sich in mehr als 700 Städten und Gemeinden etwa eine Million Menschen an Demonstrationen, Kundgebungen und Streiks. Über 1000 Betriebe und Genossenschaften wurden bestreikt, die Zahl der gestürmten öffentlichen Gebäude belief sich auf etwa 160, darunter auch Dienststellen des Ministeriums für Staatssicherheit und der SED sowie Gebäude des FDGB. Demonstranten versammelten sich vor 22 Gefängnissen und forderten die Freilassung von politischen Häftlingen. Etwa 1400 Häftlinge aus zwölf Haftanstalten kamen frei."

Eine Arbeiterdelegation bittet den Rundfunk im Amerikanischen Sektor am Abend des 16. Juni um die Verbreitung ihrer vier zentralen Forderungen:

1. Auszahlung der Löhne bei der nächsten Lohnzahlung bereits wieder nach den alten Normen;

2. Sofortige Senkung der Lebenshaltungskosten;

3. Freie und geheime Wahlen;

4. Keine Maßregelung von Streikenden und Streikbrechern.

Überall in der DDR nehmen Arbeiter diese Forderungen auf und erzählen sie weiter. Auch die Parolen auf Transparenten machen rasch die Runde:

"Streikt die Regierung nieder!" "Weg mit der Spitzbartclique!" "Butter statt Nationalarmee!" "Wir wollen keine Sklaven sein!" "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!"

Der Historiker Gerhard Beier:
"Der sozialdemokratische und freigewerkschaftliche Tenor dieser Parolen ist eindeutig. Nichts Faschistisches, nichts Revanchistisches, keine Pogromhetze." 

Das Regime der SED stützt sich auf Gewalt
Die Regierung der DDR zeigt sich überfordert und verschreckt. Die Sowjets eilen ihr mit Panzern zu Hilfe. 16 Divisionen rücken aus. In 167 der 217 Landkreise der DDR wird der Ausnahmezustand verhängt. 18 Menschen werden standrechtlich erschossen, Tausenden wird der Prozess gemacht. Die DDR-Justiz verhängt vier Todesurteile; zwei werden vollstreckt.

Am Abend des 18. Juni wendet sich der Regierende Bürgermeister Berlins, Ernst Reuter, an seine Mitbürger und erklärt: "Mit Standrechten, mit Bajonetten, mit Panzern kann auf die Dauer ein Volk doch nicht niedergehalten werden.... Was ich heute am Potsdamer Platz gesehen habe, diese Wüstenei, diese tote, leere Stadt... Das Herz konnte einem still stehen.... Wir erneuern unseren Appell an die ganze Welt, die Welt möge endlich begreifen, ...dass die Deutschen ein Volk sind, das den Wert der Freiheit kennt, und dass die Deutschen ein Volk sind, das für die Freiheit sich einsetzt....Es gibt kein Problem, das so dringlich ist wie die Wiedervereinigung Deutschlands. Es gibt keine Ruhe, es gibt keinen Frieden, ehe dieses Problem nicht gelöst ist..."

(Quelle: RIAS-Schallarchiv, zitiert nach: Gerhard Beier, Wir wollen freie Menschen sein, S. 123f)

Als sich das Regime wieder gefasst hat und die meisten der befreiten Häftlinge wieder hinter Mauern verschwunden sind, behauptet die DDR-Propaganda, der "Putschversuch" sei von "bezahlten Provokateuren", vom "gekauften Abschaum der Westberliner Unterwelt" betrieben worden. 

In Wahrheit ist nichts zentral geplant. Der Aufstand vom 17. Juni ist eine Volkserhebung, die erste im sowjetischen Lager. Auch das Ostbüro der SPD wird von der Wucht der Ereignisse überrascht. Dennoch argwöhnt die Führungselite der SED wohl zu Recht in Otto Grotewohls Worten, dass "weite Teile der äußerlich für uns gewonnenen Leute innerlich nicht auf unserer Seite stehen". Die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD zur SED liegt erst wenige Jahre zurück. Die SED bekämpft den "Sozialdemokratismus" in den eigenen Reihen mit allen Mitteln einer Diktatur.

Erst 1989 werden die Hoffnungen wahr
Der Sozialdemokrat Herbert Wehner wirbt erfolgreich dafür, dass der 17. Juni in der Bundesrepublik zum Nationalfeiertag erhoben wird.

1989 gehen erneut Menschen in der DDR auf die Straße und werden immer mehr.  Bewusst oder unbewusst greifen die Demonstranten Parolen des Aufstands von 1953 wieder auf. Sie sammeln sich in und um evangelische Kirchen. Das alte sozialdemokratische Milieu, 1953 noch lebendig, existiert nicht mehr. Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung kommen im kleinen Ort Schwante zusammen und gründen die Sozialdemokratie in der DDR neu.

Diesmal bleiben die sowjetischen Panzer in den Kasernen. Die Mauer fällt. Das SED-Regime kollabiert. Ohne Gewalt, so zeigt sich, hielt nichts die DDR zusammen. Die vermeintlichen Sozialisten hatten die Ideen, auf die sich sich beriefen, längst verraten. Am 17. Juni 1953 ist ihnen ihre Maske entglitten. (uk) 

Lesetipps:
Gerhard Beier: Wir wollen freie Menschen sein. Der 17. Juni 1953: Bauleute gingen voran, Büchergilde Gutenberg 1993.

Beatrix Bouvier: Der 17. Juni als Tag der deutschen Sozialdemokratie. In: Menschen, Ideen, Wegmarken, vorwärts Buch 2013.

Dieter Dowe (Hg.): Der 17. Juni 1953. Die Gewerkschaften und die Diktaturen des 20. Jahrhunderts, Friedrich-Ebert-Stiftung 2003.

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