Zerstörter Reaktor von Tschernobyl 1986
Quelle: dpa

Die SPD fordert das Ende der Atomindustrie

Von wegen "Restrisiko": Der menschliche Irrglaube, Atomenergie vollständig kontrollieren zu können, führt zur Katastrophe.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist die bislang schwerste weltweit. Schätzungen gehen von 200 000 Todesopfern aus. Noch mehr als ein Vierteljahrhundert später haben die Menschen mit den Folgen zu kämpfen.

"Die Vorgänge haben unsere Welt, jedenfalls aber das Bewusstsein der Menschen verändert."
(Hans-Jochen Vogel am 14. Mai 1986)

Im Atomkraftwerk im ukrainischen Tschernobyl wollen Ingenieure einen neuen Spannungsregler testen. Die Sicherheitsabteilung des Werks wird nicht informiert: der erste in einer Kette zuvor "unvorstellbarer" Fehler. 

Der "größte anzunehmende Unfall"
Während der Vorbereitungen auf die Simulation im Reaktorblock 4 am 25. April 1986 verstößt die Reaktormannschaft gleich gegen mehrere Vorschriften. Sie schaltet das Notkühlsystem ab und lässt es ausgeschaltet. Vermutlich weil ein Techniker einen falschen Wert eingibt, sackt die Reaktorleistung plötzlich auf ein Prozent ab. Zulässiges Minimum  sind 20 bis 30 Prozent. Die Techniker können die Leistung auf immer noch zu geringe sieben Prozent steigern.

Trotz auftretender Komplikationen führt das Personal gegen 1.23 Uhr des Folgetages das Experiment durch. Der Reaktor gerät außer Kontrolle. Es kommt zu Explosionen, die den Reaktorkern freilegen. Die Kernschmelze ist in vollem Gange.

Der "größte anzunehmende Unfall" (GAU) ist eingetreten – ein Unfall, der den Berechnungen und Versicherungen der Atomindustrie zufolge allenfalls einmal in Tausenden von Jahren vorkommen soll.

Radioaktiver Staub zieht um die Welt. Die SPD fordert den Ausstieg
Moskau wird noch am Morgen über den Unfall informiert. Die Anwohner der benachbarten Orte aber ahnen nichts von dem Unglück. Erst 37 Stunden nach der Kernschmelze wird die nur drei Kilometer entfernte Siedlung Pripjat evakuiert. Jetzt hat sich der radioaktive Staub bereits auf die europäischen Nachbarländer gelegt.

Im 1500 Kilometer entfernten Deutschland ist vor allem der Süden der Bundesrepublik betroffen. Spielplätze werden gesperrt, die Bundesregierung rät vom Verzehr von Milch und frischem Gemüse ab. Noch heute sind in einigen Gebieten Bayerns Waldgebiete verstrahlt.

Im Bundestag beteuert Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) am 14. Mai 1986 die Sicherheit deutscher Atomkraftwerke. Das "theoretisch verbleibende Restrisiko" hält er für "vertretbar". Die Nutzung der Kernenergie sei "ethisch zu verantworten".

"Kernkraft nur für Übergangszeit verantwortbar"
Die Sozialdemokraten sehen das anders. Sie haben bereits zwei Jahre zuvor auf dem Essener Parteitag beschlossen: "Die Nutzung der vorhandenen Kernkraftwerke ist nur noch für eine Übergangszeit zu verantworten." Damit revidieren sie ihre bisherige Haltung. Zahlreiche Untergliederungen der SPD sprechen sich allerdings schon in den 1970er Jahren

für ein Ende der Atomindustrie aus. Viele Wortführer der Anti-AKW-Bewegung sind Sozialdemokraten: Klaus Traube, Hermann Scheer, Jo Leinen …

Hans-Jochen Vogel erklärt nun im Bundestag:
"Wer nach dem Katastrophenfall im Kernkraftwerk Tschernobyl, nach dem Katastrophenfall Three Miles Island, wer nach der Challenger-Katastrophe noch immer behauptet, er könne ausschließen, dass sich bei uns ähnliche oder noch schlimmere Katastrophen ereignen, der hat nicht gelernt, bis zum heutigen Tage nicht gelernt!
(...)
Tschernobyl hat uns endgültig gezeigt: Die Katastrophen, die wir bisher kannten, waren und sind in ihren Auswirkungen räumlich und zeitlich beschränkt. (…) Atomare Katastrophen hingegen eröffnen ganz neue Dimensionen, sind von ganz anderer Qualität, weil sie ganze Kontinente in Mitleidenschaft ziehen und über lange, sehr lange Zeiträume in die Zukunft hinein fortwirken können."

Doch CDU und CSU halten stur an der Atomenergie fest. Weitere Kernkraftwerke gehen ans Netz. Erst unter Rot-Grün kann die lang herbeigesehnte Energiewende eingeleitet werden. 2000 beginnt der Ausstieg aus der Atomenergie.

Schwarz-Gelb bremst Energiewende aus
Doch kaum ist die SPD aus der Regierung ausgeschieden, beschließt die Union gemeinsam mit der FDP 2010 den Ausstieg aus dem Ausstieg. Die Laufzeiten der Atomkraftwerke werden verlängert – gegen den massiven Protest der neu erwachten Anti-AKW-Bewegung.

Erst eine weitere Atomkatastrophe im März 2011 führt zum Einlenken der schwarz-gelben Bundesregierung: der Super-GAU von Fukushima in Japan, ausgelöst durch ein Erdbeben.  Seither ist der Atomausstieg in Deutschland erneut beschlossene Sache. Doch nach wie vor bremst Schwarz-Gelb die Energiewende aus. Wirtschafts- und Umweltministerium arbeiten gegeneinander, Solarförderungen werden gekürzt. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz wird in Frage gestellt.

"Jede Frittenbude in Deutschland wird besser gemanagt als diese Energiewende", kritisiert der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Und auch der Leiter der Energiekommission der SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, mahnt: "Es gibt weder einen Masterplan, noch sind die Zuständigkeiten geklärt."

Die SPD fordert deshalb ein eigenständiges Energieministerium, um die Energiewende aus einer Hand zu steuern und dabei sozial gerecht zu gestalten. Und sie dringt auf Förderprogramme, die den Ausbau der erneuerbaren Energien weiter vorantreiben. (ms)  

Lesetipps:
Nina Scheer: Energiewende fortsetzen: Regenerative Vollversorgung vor dem Durchbruch?, vorwärts Buch 2012.

Hermann Scheer: 100% jetzt. Der energethische Imperativ. Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist, Kunstmann Verlag 2012.

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