Die erste Ausgabe des Vorwärts vom 1. Oktober 1876

Am Anfang ist die Freiheit des Wortes

Ohne freie Presse kein freies Land. Ohne Debatten keine Demokratie. Ohne Wissen kein Sieg der Vernunft. Solange es Sozialdemokraten gibt, gibt es auch sozialdemokratische Zeitungen.

" … fordert die SPD: die Abschaffung aller Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung … einschränken oder unterdrücken."
Erfurter Programm der SPD, 1891

"Wir wollen die Unabhängigkeit der Medien vom Staat, aber auch von mächtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gruppen sichern und ausbauen."
Berliner Programm der SPD, 1989

"Wir halten Boulevardblätter nicht für Volkserzieher. Wir glauben an die Kraft der Ideen und unterwerfen uns den Geboten der Vernunft."  Willy Brandt, in: Neue Gesellschaft, Mai 1969

Schon lange vor der Gründung der ersten sozialdemokratischen Partei, des ADAV (Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein), bieten Zeitungen eine Bühne für den Meinungsaustausch. Sie stellen ein soziales Netzwerk her. Bald wird in ihnen über die Notwendigkeit einer Parteigründung intensiv diskutiert. Über sie finden Reden und Schriften rasche Verbreitung – allerdings immer von Zensur bedroht.

Die bedeutendsten Zeitungen entstehen dort, wo die behördliche Zensur am schwächsten ist. Besonders Hamburg wird zu einem Zentrum der Arbeiterpresse.

Presse schafft Netzwerke
1860 gründen hier Mitglieder der Hamburger Arbeitervereine eine Zeitung mit dem Titel „Ipecacuanha“. Wie die Heilpflanze

gleichen Namens (Brechwurz) will sie über starke Reize Kopf und Körper befreien. Bald benennt sie sich um in "Nordstern".  Ab 1865 trägt sie den Untertitel "Organ der social-demokratischen Partei – Allgemeines Arbeiterblatt". Im selben Jahr entsteht in Berlin als offizielle Zeitung des ADAV – aber in Privatbesitz – "Der Social-Demokrat". Er setzt sich für drei Ziele ein:

1. Solidarität der Völkerinteressen und der Volkssache durch die gesamte zivilisierte Welt
2. das ganze gewaltige Deutschland ein freier Volksstaat
3. Abschaffung der Kapitalherrschaft

1869 entsteht in Leipzig mit Gründung der SDAP – der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei – die Zeitung "Der Volksstaat" als dessen Parteiorgan. Sechs Jahre später schließen sich ADAV und SDAP zusammen – und beschließen die Gründung einer neuen Zeitung, des "Vorwärts", als "Central-Organ der deutschen Sozial-Demokratie". Die erste Ausgabe erscheint am 1. Oktober 1876. Die Wahl des Titels "Vorwärts" wird im Editorial der Nullnummer so begründet:

"Vorwärts: So hallt das Commandowort des Kriegsobristen, welches die Soldaten in die männermordende Schlacht treibt – ... Leichen türmen sich auf Leichen ... – Das ist nicht u n s e r Vorwärts. Auch wir stehen mitten im Kampfe, doch gilt unser Kampf nicht den Sonderinteressen einzelner Personen oder einzelner Klassen, sondern der Erlösung der Menschheit ..."

Zweimal verboten – immer aufgestanden
Zunächst erscheint die Zeitung drei Mal wöchentlich, später täglich, heute ist sie ein Monatsheft. Zweimal wurde sie verboten: unter Bismarck von 1878 bis 1990 und in Hitlers „Drittem Reich“ von 1933 bis 1945.

Die Presselandschaft hat sich seit 1876 grundlegend gewandelt. Längst gibt es neben Zeitungen und Zeitschriften Hochglanzmagazine, Rundfunk, Fernsehen und das Internet

mit seiner Vielfalt an neuen und vertrauten Medien. Das Aussehen des "Vorwärts" hat sich oft geändert. Gleich geblieben ist sein Auftrag, sich mit journalistischen Mitteln für eine soziale und demokratische Welt einzusetzen. Heute eben auch online und als App.

Die Freiheit des Journalismus ist in Deutschland nicht akut von staatlicher Zensur bedroht, aber bedroht ist sie dennoch: von einer Boulevardisierung auch seriöser Medien, von einer Verwischung der Trennlinie zwischen gekauften Anzeigen und redaktionellem Inhalt, von Selbstzweifeln der Zeitungsmacher an der Zukunft des gedruckten Wortes. (uk)

"Journalismus am Abgrund"
Vor diesem Hintergrund will das SPD-regierte Nordrhein-Westfalen auf Vorschlag des Vorsitzenden der Medienkommission der SPD, Marc Jan Eumann, 2014 eine staatsunabhängige Stiftung "Vielfalt und Partizipation" gründen. Die Stiftung soll unabhängigen, aufklärerischen Journalismus fördern.

In seinem Buch "Journalismus am Abgrund" schreibt Marc Jan Eumann:
"Der Journalismus, der bislang über Print finanziert wurde, ist akut gefährdet. Eine alternative und adäquate Finanzierung ist (noch) nicht in Sicht. So ist die Finanzierungsfrage untrennbar mit der Sicherung von Vielfalt durch Journalismus verknüpft."

(Quelle: Vorwärts Buch Berlin 2012)

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Altbundeskanzler Helmut Schmidt stirbt. Er wird 96 Jahre alt. Schmidt hat die deutsche Politik geprägt wie kaum ein anderer, als Senator in Hamburg, als Minister unter Willy Brandt und von 1974 bis 1982 als Bundeskanzler.

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