Bergarbeiterstreik 1889
Quelle: dpa

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Revolution oder Reform? Darüber streiten Linke immer wieder gern. Oft rufen Junge nach der Revolution, Ältere setzen auf Reformen. Für die Sozialdemokratie ist die Frage seit 1906 entschieden: Sozialdemokraten erstreben eine Revolution durch Reformen.

Revolution: Das steht seit 1789 für die Überwindung einer alten, ungerechten Unterdrückerherrschaft. Also ist sie gut, ja notwendig. Revolution steht aber auch, seit die Französische Revolution in Terror versank, für blutiges Chaos und den Nährgrund einer neuen Herrschaft der Stärkeren. Sozialdemokraten suchen deshalb einen Weg, "umwälzende Reformen in stetiger Entwicklung von Etappe zu Etappe ohne Blutvergießen durchzusetzen".

So formuliert es Eduard Bernstein – der dafür um 1900 herum heftig angegriffen wird als "Revisionist", als "Opportunist". Karl Kautsky formuliert es so: "Die Sozialdemokratie ist eine revolutionäre, aber keine Revolution machende Partei." Im Grunde meinen beide dasselbe. 1902 schreibt Kautsky über die "Idee der Revolution": Sie ist es, "die jene wunderbare Erhebung des Proletariats aus seiner tiefsten Erniedrigung bewirkt hat, welche das großartigste Ergebnis der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts darstellt". Also das Erstarken der SPD.

Wir helfen uns selbst
Schon im Kaiserreich gelingt es der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften, Schritt für Schritt die Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen, der "kleinen Leute" zu verbessern. In ihrem ersten großen Streik hoffen die Bergleute an der Ruhr 1889 noch auf die Hilfe des Kaisers gegen selbstherrliche "Schlotbarone". Vergebens.

Die Lehre daraus: die Entstehung und das schnelle Erstarken von Gewerkschaften. Organisierte Solidarität.

Gleichzeitig wächst die SPD zu einer politischen Kraft, der offenkundig die Zukunft gehört. Sie erzwingt die Einführung einer ersten Sozialversicherung. Bismarck, ihr großer Gegner, kann 1890 die Wiederzulassung der Sozialdemokratie nicht verhindern. Er tritt ab. Die SPD eilt von Wahlerfolg zu Wahlerfolg und baut, mit Vereinen und Genossenschaften, mitten im Kaiserreich eine Gegenwelt auf.

Russland als Vorbild?
Doch 1905 macht eine Revolution in Russland Furore. Sie inspiriert Rosa Luxemburg zu der Hoffnung, durch einen Streik der "Massen" auch in Deutschland Monarchie und Kapitalismus zu überwinden, in einer nicht klar beschriebenen Form von Selbstorganisation. 

Bernstein tut das als "Revolutionsromantik" ab. Für die Gewerkschaften erklärt Carl Legien schon 1899: "Wir wünschen den Zustand der ruhigen Entwicklung." Und keinen "Kladderadatsch".

1905 beschließen die freien Gewerkschaften in Köln mit überwältigender Mehrheit: "Den Generalstreik, wie er von Anarchisten und Leuten ohne jegliche Erfahrung auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Kampfes vertreten wird, hält der Kongress für indiskutabel."

Das "Mannheimer Abkommen"
Auf ihrem Parteitag in Mannheim gesteht die SPD den Gewerkschaften 1906 das letzte Wort beim Ausrufen von Streiks zu.

Das "Mannheimer Abkommen" ist der Beginn eines engen Schulterschlusses zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften und die Absage an jede "Revolutionsromantik".

2013 fordern SPD und Gewerkschaften gemeinsam "gleichen Lohn für gleiche Arbeit" für Männer wie Frauen, für Leiharbeiter wie Festangestellte. Und einen gesetzlichen Mindestlohn als Schutz vor Armut trotz Arbeit. (uk)

Lesetipp: Karl Kautsky: Die Soziale Revolution, Berlin 1918.

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