Zum Mohren
Quelle: AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung

Die Basis "spricht" mit

Streit gehört zur Sozialdemokratie wie Hefe zum Bier. Denn Streit ist nur ein böseres Wort für Debatte, für Diskussion, für das Ringen um die beste Idee. So wie im August 1869, als sich in Eisenach die erste Partei gründet, die den Begriff Sozialdemokratie im Namen trägt: die SDAP.

Schon seit 1863 gibt es den ADAV, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Warum noch eine Partei? Weil die Stärke des ADAV zugleich seine größte Schwäche ist: Er ist streng zentralistisch organisiert. Der früh verstorbene Gründungsvorsitzende Ferdinand Lassalle wird geradezu kultisch verehrt.

Lassalles Rhetorik, seine Schriften sind mitreißend. Das ist gut. Das lockt Massen in die Säle und sorgt für hohe Auflagen. Doch glühende Anhänger nehmen sie auf wie Bibelworte. Das erstickt eigenes Denken und konstruktive Debatten, wie sie seit 1848 in vielen lokalen Arbeitervereinen üblich geworden sind.

Ein junger Handwerker lädt nach Eisenach ein
Seit 1863 haben diese Arbeitervereine einen Dachverband. An der Gründung beteiligt ist der junge Drechslergeselle August Bebel. Er ist 23 Jahre alt und stammt aus Deutz bei Köln. Seit zwei Jahren schon ist er Mitglied des Gewerblichen Bildungsvereins in Leipzig. 1866 betreibt er die Gründung der Sächsischen Volkspartei. Doch sein Ziel ist eine demokratisch organisierte Arbeiterpartei für ganz Deutschland.

Zu deren Gründung lädt er – gemeinsam mit Wilhelm Liebknecht – nach Eisenach ein. Hier kreuzen sich zwei Eisenbahnlinien. Das erleichtert die Anreise, zumal Bebel, jetzt 29 Jahre alt, Sondertarife für Delegierte aushandelt.

Manche Delegierte wollen die Gründung verhindern. Schließlich gibt es ja schon den ADAV. So heftig toben die Debatten, dass gleich mehrere Gasthöfe in Eisenach davon profitieren. Man trifft sich in Gruppen und Grüppchen mal hier, mal dort, zieht vom Goldenen Löwen ins Hotel Zum Mohren. Schließlich gelingt die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Sie gibt sich eine Satzung, die auf Mitsprache aller Mitglieder setzt.

Der inneren Demokratie entspricht die Forderung, ein einiges Deutschland auf der Basis starker Länder zu gründen: ein föderales Land. Keines, das wie das Deutsche Reich, das 1871 entsteht, von Preußen dominiert wird. Damit setzt sich die Sozialdemokratie leider erst nach 1945 durch. 

Als äußeres Zeichen der inneren Demokratie verzichtet die Partei darauf, nur einen Vorsitzenden zu wählen, sondern entscheidet sich für eine Doppelspitze. Das wird so bleiben, solange Bebel lebt. Auch die spätere SPD führt er nie allein – auch nicht, als er selbst längst ähnlich verehrt wird wie zuvor Ferdinand Lassalle. Der Drechsler Bebel wird zum großen Gegenspieler des Reichskanzlers Otto von Bismarck und verdient sich den Ehrentitel "Arbeiterkaiser".

Doch seine Partei widerstrebt jedem Führerkult und streitet gern. Das hat sich bis heute nicht geändert. Mit einer großen Parteireform beleben Sigmar Gabriel und Andrea Nahles 2011 Bebels Ideen neu. Mehr Mitsprache! Mehr Debatten! Dem dient auch der Bürgerdialog, aus dem 2013 das Wahlprogramm der SPD entsteht.(uk)

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