Theaterstück "Willy Brandt"
Quelle: Thorsten Wulff

Theater: Willy Brandt "Die ersten hundert Jahre"

Das Stadttheater Lübeck bringt Willy Brandt auf die Bühne: "Die ersten hundert Jahre"

"Wieviele Mauern gibt es noch auf der Welt? Es wäre schön, wenn alle so friedlich fallen würden wie die deutsche." Und: Vorhang!

Mit diesem Satz endet das Stück "Willy Brandt – Die ersten hundert Jahre", eine Inszenierung des Stadttheater Lübecks. Er klingt noch lange nach.

Im Dezember 2013 würde Willy Brandt 100 Jahre alt. In Lübeck kam er zur Welt, als Herbert Frahm, als uneheliches Arbeiterkind. Hier fand er zu den Falken, zur Sozialistischen Jugend, zur SPD. Hier wurde er Journalist und Politiker. Willy Brandt: das war sein Tarn- und Kampfname im Exil und im Widerstand gegen die Hitlerdiktatur.

Michael Wallner hat rund um Willy Brandts Leben, um seine Triumphe und Niederlagen, eine bunte, manchmal schrille Revue gestrickt, schwankend zwischen Agitprop und Oper, Tiefsinn und Klamauk, Komik und Tragik. Wie die Zeiten, in denen Willy Brandt lebte.

Der Schauspieler Andreas Hutzel wird dem, den er verkörpert, im Lauf des Stückes immer ähnlicher. Vor allem trifft er Willys unverwechselbare Stimme. Viele Gestalten um ihn herum werden zu Karikaturen vergröbert; von Hitler über Wehner und Genscher bis Guillaume, der ihn verriet. Anders geht das in einen solchen Rahmen wohl auch nicht.

Dabei entstehen einprägsame Bilder: das Straßenkampfballett - Rotfront und SA im Duett: "Auf, auf zum Kampf…!" -, Hitler als Marionette, Brandt und Breshnew als tanzend-boxendes Paar, der Krimi des Konstruktiven Misstrauensvotum von 1972…

Von Verrat ist viel die Rede in dem Stück. Herbert Wehner kommt nicht gut weg. Auch ließe sich bemängeln, dass Willy Brandts depressive Phasen arg betont sind: eine psychologisierende Menschelei, die nicht recht zum Revuecharakter der Inszenierung passen will.

Willy Daum hat dem Stück einen musikalischen Teppich unterlegt, der sich dem Bühnengeschehen unaufdringlich anschmiegt, sich dabei raffiniert beim Arbeiterliedgut bedient und doch etwas Eigenes ist.

Theaterstück: "Die ersten hundert Jahre" mit Timo Tank (Grass), Julius Robin Weigel (Bahr), Susanne Höhne (Rut), Peter Grünig (Genscher), Robert Brandt (Wehner), Opernchor. Nicht im Bild: Andreas Hutzel (Willy). Quelle: Thorsten Wulf

Faszinierend zu erleben ist, wie bühnenreif Brandts Original-Texte sind. Wie frisch, wie zeitlos sie klingen: !Ich bin kein Erwählter. Ich bin ein Gewählter." Dazu darf, eine nette Idee, Günter Grass den Zwischenrufer geben, Lübecker inzwischen auch er.

So entsteht ein Kaleidoskop deutscher Geschichte, voller Höhen und Tiefen und mit klarer Moral: Gewalt und Verrat setzen sich immer nur kurzfristig durch. Es bleibt, was gut ist und wahr. Hoffentlich. Vorerst: Applaus! (uk)

Infos und Karten: www.theaterluebeck.de

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