Oldtimer
Quelle: Andi Kunze für 150-Jahre-SPD.de

Schönheiten begleiten die SPD-Feierlichkeiten

Auf dem Marktplatz in Leipzig locken vier Oldtimer die Gäste des Parteijubiläums. Das Bürgerfest bei strahlendem Sonnenschein lässt die "mobilen Schönheiten" im vollen Glanz erstrahlen. Und alle haben sie ihre eigene Geschichte...

Die Göttin und die SPD

Fahren wie auf Wolken: Citroen Déesse. (Quelle: ak)

Die 50er Jahre: Im Osten ein Jahrzehnt des Aufbruchs, des Aufstands und der Unterdrückung. Im Westen waren es die Adenauer-Jahre. Wachsender Wohlstand legte sich wie ein Tuch über die Erinnerung an Naziverbrechen, Elend und Krieg. Im stickigen Klima der Selbstgefälligkeit erregte ein Auto Aufsehen. Ein Wagen, der so ganz anders war. Leichtigkeit auf Rädern, mit einer Prise Leichtsinn gewürzt. Gänzlich ungermanisch. In Frankreich gebaut, dem Land des Erzfeinds von gestern – der sich anschickte, ein Land der Freunde zu werden.

Kurt Beck, 1949 in der Südpfalz nahe der deutsch-französischen Grenze geboren, erinnert sich: „Seit meiner Kindheit schwärmte ich von einem Citroen DS. Ein Schausteller, der jedes Jahr zum Kirchweihfest nach Steinfeld anreiste, fuhr ein derartiges Auto. Die Form und die Hydraulik, die den Wagen auf- und abschweben ließ, faszinierten mich. Der Wunsch, einen Citroen DS zu besitzen, ließ mich nicht los. Ich konnte ihn mir schließlich erfüllen, als ein früherer Nachbar, der Automechaniker war, nach Frankreich heiratete. Die Familie seiner Frau besaß im Elsaß eine Citroen-Werkstatt. So kam ich zu meinem 24er Pallas – völlig legal, versteht sich, als Reimport.“ (Quelle: Kurt Beck. Ein Sozialdemokrat. Die Autobiographie, Pendo, München, 2008, S. 61f)
 
Die schwedische Versuchung

Im Westen und im Osten geschätzt: Volvo Amazon 122 S. (Quelle: ak)

In der Endzeit der Adenauerjahre, gefangen im Kalten Krieg zwischen Ost und West, richteten sich viele Blicke gen Norden. In Schweden entstand eine funkelnde Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus. Eine sozialdemokratische Gesellschaft. Unmilitärisch, niemanden zurücklassend, dabei freizügig und modern. Wer jung war, beneidete die Kinder von Bullerbü. Astrid Lindgrens Bücher erschienen Mitte der 1960er Jahre erstmals auf Deutsch. Wer schon genug verdiente, ein etwas größeres Auto zu kaufen – und Autofahren nicht als Ego-Trip verstand –, warf ein Auge auf Volvos. Auf Automobile, die praktisch waren, schnörkellos schön und sicher zugleich. Produziert offenbar irgendwie am globalen Kapitalismus vorbei. Volvofahren wurde zum Statement einer neuen, fortschrittlichen Lebensart, der Willy-und Olof-Generation.

Spitzenfunktionäre der DDR sahen das offenbar ähnlich. Da Mercedes und BMW aus vielen Gründen nicht für sie in Frage kamen und man auf Trabbies und Wartburgs furchtbar lange warten musste, zogen sie den Volvo vor. Machte auch mehr her.

Die Limousine des Noch-Nicht

Staatstragend: Mercedes Benz 300 SE Langer Radstand. (Quelle: ak)

Adenauer war nicht mehr Bundeskanzler, aber seine Union regierte noch immer – wenn auch um zwei Nummern kleiner geworden. Der Kanzler hieß jetzt Ludwig Erhard, und Heinrich Lübke hielt als  Bundespräsident viel belächelte Reden. Mercedes-Benz ersetzte den langgedienten 300er, im Volksmund "Adenauer" gerufen, durch – nein, noch nicht den 600er. Ein "SE" musste genügen. Schließlich wollte ja auch Erhard "den Gürtel enger schnallen". Allerdings nicht unbedingt den eigenen. So kam der 300 SE mit großspurig langem Radstand daher und, zur Vermeidung jeder Unwucht – oder was auch immer –, mit Flossen am Heck.

An den Hochschulen herrschte die Ruhe vor dem Sturm. `68 war nicht mehr weit weg. Die DDR führte den Zwangsumtausch für Westbesucher ein und verbot, 1965, Wolf Biermann erstmals das öffentliche Singen. Im selben Jahr trat Willy Brandt  zum zweiten Mal als SPD-Kanzlerkandidat an. Die Union kam auf 47,6 Prozent, die SPD auf 39,3 Prozent, die FDP auf 9,5 Prozent. Noch sprang die FDP nicht über ihren braunen Schatten. Erhard durfte noch ein Jahr regieren. Doch Mercedes stoppte schon 1965 die Produktion des extralangen 300 SE. Er hatte nur 1 546 Käufer gefunden. Mit ihm zog die alte Zeit.

Das Modell Deutschland

Etwas mehr als der Käfer: Mercedes Benz 280 S. (Quelle: ak)

Die 1970er Jahre waren "Das sozialdemokratische Jahrzehnt" – im Westen Deutschlands und nicht ohne Wirkung auf den Osten. Eine von SPD-Kanzlern regierte Bundesrepublik taugte nicht so recht als böser Sozialistenschreck.

 "Wir schaffen das moderne Deutschland": unter diesem Versprechen zog Willy Brandt in den Wahlkampf. Reform jagte Reform. 1972 sah die Jugend der Welt ein verwandeltes München. Aus Hitlers muffiger "Hauptstadt der Bewegung" war unter sozialdemokratischen Oberbürgermeistern eine liebenswerte und bewohnbare Stadt der Jugend geworden, Ort heiterer Olympischer Spiele – bis zum Attentat auf israelische Sportler. 1976 konnte Helmut Schmidt das "Modell Deutschland" anpreisen – und damit Wahlen gewinnen.

Wenn ein Auto den Aufbruch jeder Jahre symbolisiert, dann ist es ein Mercedes. Das rollende Aufstiegsversprechen.

Noch war der Käfer der wahre Volkswagen, doch Mercedes zu fahren wurde zum erfüllbaren Traum auch für Handwerker und Buchhalterinnen, für viele Facharbeiter auch. Wohlstand in Frieden für Alle, dazu "freie Fahrt für freie Bürger", am liebsten gut geborgen hinter einem Sindolfinger Stern: das war der deutsche Traum.

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Altbundeskanzler Helmut Schmidt stirbt. Er wird 96 Jahre alt. Schmidt hat die deutsche Politik geprägt wie kaum ein anderer, als Senator in Hamburg, als Minister unter Willy Brandt und von 1974 bis 1982 als Bundeskanzler.

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