Willy-Brandt-Haus in Berlin
Quelle: Dirk Bleicker

Willy-Brandt-Haus in Berlin

Die Wahl Berlins zur Hauptstadt des wiedervereinten Deutschlands 1991 und die Beschlüsse über den Umzug von Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung veranlassten die SPD, den Umzug nach Berlin vorzubereiten und sich umgehend nach einem geeigneten Gebäude oder Grundstück
für eine neue Parteizentrale umzusehen. 

Die Wahl fiel auf das unbebaute Trümmer-Grundstück Stresemann-/Ecke Wilhelmstraße, nicht weit von den Parteisitzen der SPD vor
1933 entfernt. Das belgische Maison du Peuple (Volkshaus), von dem Jugendstil-Architekten Victor Horta (1861 – 1947) für die Sozialistische
Partei Belgiens in Brüssel von 1895 bis 1899 erbaut, war das Vorbild für viele Häuser, die die starke deutsche Sozialdemokratie Anfang des 20. Jahrhunderts baute: eine Einheit von Parteizentrale, Versammlungshaus, Produktionsbetrieb (Zeitung und Druckerei), preiswerter Gastronomie und Einkaufsstätten (Volksbuchhandlung und Konsum). 

Diese Häuser waren Ausdruck der von der Arbeiterbewegung vertretenen Gegenökonomie und Gegenkultur. Als 1945 der Wiederaufbau der SPD begann, wurde ein anderes Modell für die Parteihäuser gewählt. Die SPD wollte ihrem Wandel zur Volkspartei auch baulich Ausdruck verleihen. Es wurden Büro- und Versammlungshäuser gebaut, die die Parteibüros aufnahmen und Raum für die Sitzungen der Gremien boten.

Das Willy-Brandt-Haus bricht bewusst mit dem Funktionalismus der Parteihäuser der Nachkriegszeit und greift Ideen aus der Gründungszeit der Sozialdemokratie wiederauf. Dieses Haus soll mehr sein als eine Parteiverwaltung, es soll Versammlungsort, Diskussionsort und Ausstellungsort sein –

ein Haus im Zentrum der Stadt, eine gesellschaftlich- wirtschaftliche Einheit, eingebettet in ihr Umfeld.

Als im September 1890 das Sozialistengesetz nach zwölfjähriger Geltung auslief – die Verlängerung hatte im Reichstag keine Mehrheit mehr gefunden – suchte der SPD Parteivorstand für die aus der Teil-Illegalität zurückgekehrte Partei ein Domizil. Das erste Quartier fand sie in der Wohnung ihres Sekretärs Ignaz Auer (1846 – 1907) in der Katzbachstraße 9.

Ignaz Auer stammte aus dem ländlichen Proletariat Niederbayerns. In Dommelstadl bei Passau geboren, erlernte er nach kurzem Schulbesuch den Sattlerberuf. Mitglied der SAPD seit 1869, wurde er 1875 Sekretär des Parteivorstandes. Er organisierte die Partei unter dem Sozialistengesetz, seinen Fähigkeiten verdankt die SPD ihren Aufstieg nach dem Ende des Gesetzes. Am Haus befindet sich eine Gedenktafel.

Später zog der Vorstand in die nicht weit entfernte Kreuzbergstraße 30. Seit 1905 war schließlich die von Curt Berndt (1863 – 1925) entworfene Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer & Co in der Lindenstraße 69 das neue, repräsentative Domizil der SPD. In den nächsten Jahren kaufte die SPD die Nachbargrundstücke Lindenstraße 2, 3 und 4 dazu, um einer weiteren Druckerei, der Parteischule, dem Vorstand und der Tageszeitung Vorwärts genügend Raum zu bieten. 

Bis 1925 wuchs der gesamte Komplex um die Lindenstraße bis hin zur Alten Jakobstraße 148 – 155 an. Damit hatte sich die Grundfläche von 8.467 auf 27.000 Quadratmeter vergrößert. Das Gelände blieb bis zur Besetzung durch SA und SS am 9. März 1933 Sitz von Vorstand, Vorwärts-Verlag, Redaktion,

Druckerei, Vertrieb und Buchhandlung. Es folgten am 22. Juni 1933 das Verbot der SPD und die Liquidation des Parteivermögens.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die SPD die teilzerstörten Gebäude zurück. Durch den Neubeginn in Hannover und den späteren Umzug in die Bundeshauptstadt Bonn blieben sie aber ungenutzt, und die SPD verkaufte sie schließlich 1962. Die Ruinen wurden abgerissen und machten neuen Nutzungen Platz.

Das Willy-Brandt-Haus, die neue Parteizentrale der SPD, steht in diesem historischen Umfeld, im Zentrum der Stadt. Als die SPD das Grundstück erwarb, existierte bereits ein Entwurf des Architekten Helge Bofinger für ein Wohn- und Bürohaus. Dieser Entwurf war Teil des 1981 ausgelobten Wettbewerbs Berlin, Südliche Friedrichstadt, Wilhelmstraße (Block 19) der Internationalen Bauausstellung Berlin (IBA) gewesen.

Die IBA (1979 – 1986) war die Reaktion auf die städtebaulichen Fehlplanungen der 1950er- und 1960er-Jahre. Die Entwürfe der IBA verstanden sich als Beiträge zur kritischen Rekonstruktion der Stadt. In diesem Kontext entschied sich Bofinger bei dem Entwurf für das spitzwinkelige Grundstück für ein Haus, das die historischen Strukturelemente der Stadt aufnehmen sollte, ohne das historische Bild zu imitieren.

1992 erhielt Helge Bofinger den Auftrag, die neue SPD-Zentrale zu bauen. Der Architekt erarbeitete auf der Grundlage seines Entwurfes ein Mehrzweckhaus mit politischer, wirtschaftlicher und kultureller Nutzung. Als Bauherrin steuerte die damalige SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier die Planung und ihre Realisierung, wobei sie ihre Handschrift beim Design des Hauses durchsetzte, was sich in der Ausstattung,

der Präsentation sozialdemokratischer Geschichte und dem Aufbau einer Sammlung im Willy-Brandt-Haus zeigt.

Obwohl die Umzugsbeschlüsse keinen Zweifel am tatsächlichen Vollzug zuließen, waren zahlreiche Hindernisse bei der Realisierung zu überwinden. Zunächst war die Berliner Verwaltung unzureichend auf die Fülle der Großprojekte vorbereitet, die der Umzug auslöste, und trug damit zu vielerlei Verzögerungen bei. Besonderer Widerstandmusste in Bonn überwunden werden, da beim Personal des SPD-Parteivorstandes die Illusion gepflegt wurde, die SPD könne ihre Parteizentrale zwischen Bonn und Berlin teilen.

Erst ein großzügiger Sozialplan beendete diesen merkwürdigen Streit. Das Herzstück des Hauses ist das Atrium in der Mitte. Von der Basis des Atriums führen Treppen und zwei gläserne Aufzüge in sechs Büroetagen, den Presseraum und die Konferenzräume. In der sechsten Etage, in der Spitze des Baus, befindet sich der große Präsidiumssaal. Im ersten und zweiten Obergeschoss sind Büroräume an Dritte vermietet. An den Straßenfronten nimmt es eine Reihe von Geschäften auf, darunter eine Buchhandlung mit Antiquariat. In der Passage, die die Wilhelm- mit der Stresemannstraße verbindet, befinden sich ein Souvenir-Laden der SPD und ein Restaurant. 

Eine Besonderheit des Bauwerkes sind seine hohenUmweltstandards. Das Willy-Brandt-Haus ist ein Energiesparhaus. Energiesparendes Bauen, energiesparende Anlagen und Gerätetechnik sowie eine bedarfsgerechte Energiebereitstellung sind die Bausteine seiner umweltgerechten Energieversorgung. Ein eigenes Blockheizkraftwerk versorgt das Haus mit Strom für Heizung, Kühlung und Warmwasserbereitung. Auf dem Dach gibt es nicht nur Rasen, sondern eine Konstruktion für Solarzellen.

Der Energieverbund arbeitet mit einem Wirkungsgrad von 86 Prozent, die Einsparung an Primärenergie im Vergleich zu herkömmlichen Systemen beträgt 22 Prozent, die CO2-Minderung sogar 57 Prozent. Ebenfalls beträchtlich ist die Senkung des Schadstoff- und des Staubausstoßes.

Am 10. Mai 1996 wurde das Willy-Brandt-Haus eingeweiht; im Sommer 1999 zog der gesamte Parteivorstand von Bonn nach Berlin um, nachdem vorher nur einige Referate sowie SPD-Unternehmen den Neubau genutzt hatten. Das Willy-Brandt-Haus ist seitdem nicht nur ein Ort der Politik, sondern auch der Kultur und Kommunikation. Zur Abrundung ihres neuen Standortes erwarb die SPD die Immobilie Stresemannstraße 30, die als Paul-Singer-Haus neben dem Politischen Archiv der SPD, Redaktion und Verlag des Vorwärts sowie weitere SPD-Unternehmen beherbergt. Mit dem Namen wird an den langjährigen Ko-Vorsitzenden von August Bebel erinnert.

Paul Singer (1844 – 1911) war von großem Einfluss in der Berliner SPD und zeichnete sich durch großzügiges Mäzenatentum aus. Im Hof des Paul-Singer-Hauses steht die Robespierre- Skulptur des Bildhauers Alfred Hrdlicka (1928 – 2009). Der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V. ist Initiator zahlreicher Veranstaltungen und Ausstellungen, mit denen sich das Haus zur Stadt hin öffnet. Seit Beginn seiner Tätigkeit hat der Freundeskreis über 300 Ausstellungen, Buchvorstellungen, Diskussionsveranstaltungen und Filmabende veranstaltet.

Daneben ist das Haus zum zentralen Veranstaltungsort der SPD geworden. Der Freundeskreis ist auch Träger der Sammlung im Willy-Brandt-Haus, die seit 1996 mit den Schwerpunkten klassische Moderne, von den Nazis verfolgte Moderne, staatsferne Kunst der DDR und zeitgenössische

Kunst aufgebaut wird. Die Sammlung verleiht Kunstwerke an Büros der SPD und befreundeter Organisationen, und sie organisiert aus ihren Beständen Wanderausstellungen. Im Atrium steht die große Willy-Brandt-Skulptur des Malers und Bildhauers Rainer Fetting, die viele Besucher anzieht und seit 1996 zu einem Bildsymbol für das Willy-Brandt-Haus geworden ist.

Willy-Brandt-Haus
Wilhelmstraße 141
10963 Berlin

Anfahrt
Das Willy-Brandt-Haus ist von Montag bis Freitag geöffnet. Die Ausstellungen können von Dienstag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr, besucht werden. Der Besuch ist kostenlos. Über die wechselnden Ausstellungen informiert die Homepage. Angemeldete Gruppen können Sonderführungen erhalten.

Das Willy-Brandt-Haus ist über die U-Bahn-Station Hallesches Tor und Möckernbrücke in ca. 5 Min. erreichbar (Ausgang ausgeschildert); von der S-Bahn-Station Anhalter Bahnhof in ca. 10 Min. Vom Hauptbahnhof mit der M41 ab Haltestelle Europaplatz in 10 Min. bis zur Haltestelle Willy-Brandt-Haus.

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