Jeanette Wolff
Quelle: dpa

Für eine menschenwürdige Gesellschaft

Das politisches Leben von Jeanette Wolff ist auf ein Ziel hin ausgerichtet: eine offene Gesellschaft und ein selbstbewusstes jüdisches Leben im Nachkriegsdeutschland aufzubauen. Am 18. Mai 1976 stirbt die Sozialdemokratin.

"Jeanette Wolff hat Herzen bewegt. Sie passte in keine Schablone." So charakterisierte Herbert Wehner die jüdische Sozialdemokratin, an deren kraftvolles Lebenswerk heute Schulen oder jüdische Seniorenheime erinnern, die ihren Namen tragen. 

Am 22.Juni 1888 wird Jeanette Wolff als Älteste von 16 Kindern geboren. Obwohl die Familie im ärmsten Arbeiterviertel Bocholts lebt, wächst sie in einem gutbürgerlichen, jüdisch-orthodoxen Elternhaus auf. Diese beiden Welten und ihr bewusst sozialistischer, bewusst jüdischer Vater Isaac Cohen prägen sie tief.

Mit 16 Jahren lässt sie sich in Brüssel zur Kindergärtnerin ausbilden. Sie fängt an, politisch zu arbeiten: 1905 wird sie Mitglied in der sozialistischen Arbeiterjugend, tritt in die Gewerkschaft ein. Als sie 1910 nach Bocholt zurückkehrt, holt sie das Abitur nach, wird mit 31 Jahren Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt und sozialdemokratische Stadtverordnete. Das Arbeiten für gesellschaftliche Veränderungen macht ihr Freude. In einer Zeit, in der Frauen im öffentlichen Leben nicht vorgesehen sind, setzt sie sich für sozial Benachteiligte ein.

Als sie heiratet, schwört sie ihrem Mann, nie von eigener Arbeit und ihrer politischen Überzeugung zu lassen. Angeregt von seiner Frau führt ihr Mann in seiner Dortmunder Textilfabrik den Achtstundentag ein.

Ein lebenslanges Engagement
Als Mutter von drei Kindern ist Jeanette Wolff führend im Jüdischen Frauenbund, was in einem Klima wachsenden Judenhasses außergewöhnlich und mutig ist.

1942 wird die Familie in das Ghetto von Riga deportiert, von dort in das KZ Stutthof bei Dresden. Jeanette Wolff überlebt mit einer Tochter als einzige der Familie.

Anstatt mit dem Erlebten zu hadern, schreibt die damals fast 60-Jährige ihre Erlebnisse auf und hilft mit, ein demokratisches Deutschland aufzubauen.

In Berlin ist sie Vorstandsmitglied der neuen SPD, beteiligt sich am Aufbau der jüdischen Gemeinde, wird Stadtverordnete, später Bundestagsabgeordnete (1952-1961). Ihr politisches Augenmerk gilt nicht nur der Frauenpolitik.

Die mehrfach Ausgezeichnete kämpft für die Entschädigung von Nazi-Verfolgten und gegen den ihr zu schnell einsetzenden Prozess der Verdrängung der Nazivergangenheit. Von 1965 an bis ein Jahr vor ihrem Tod am 18. Mai 1976 bleibt sie Vizevorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland. Ihr Vermächtnis: "Nie aufgeben, für eine Gesellschaftsordnung zu arbeiten, die Menschenrechte und Menschenwürde bewahrt." (mm)

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