Luise Zietz
Quelle: bpk

Der "weibliche Bebel"

Sie war eine begabte Rednerin und eine mutige Vorkämpferin für die Rechte der Frauen. In die Wiege gelegt war Luise Zietz das alles nicht.

Es ist Freitag, der 27. Januar 1922. Ein eiskalter Wintertag. Um 13:20 Uhr eröffnet der Sozialdemokrat und Reichtagspräsident Paul Löbe die Sitzung mit eine traurigen Nachricht: "Meine Damen und Herren! Auch zu Ihren Ohren ist wohl inzwischen die schmerzliche Kunde gekommen: (Der Reichstag erhebt sich) Frau Abgeordnete Zietz, die gestern an der Stätte ihrer Arbeit in eine schwere Ohnmacht fiel, ist von hier aus auf ihr Totenlager getragen worden. Ein Leben voll rastloser, voll unermüdlicher, voll zermürbender Arbeit ist damit erloschen."

Die Sozialdemokratin hatte im Reichstag einen Herzinfarkt erlitten und war in der darauffolgenden Nacht im Alter von 56 Jahren gestorben. Damit ging das Leben einer mutigen Frau und einer außergewöhnliche Sozialdemokratin zu Ende. Wohl kaum einer Politikerin hat die Frauenbewegung in Deutschland so viel zu verdanken wie Luise Zietz.

"Im Schrank war kein Brot, und der Hunger tat so weh."
Vorgezeichnet ist Luise Zietz, geborene Körner, das alles nicht. Geboren 1865 als ältestes von vier Kindern eines Wollwebers im Dorf Bargteheide bei Hamburg muss sie schon als Kind in der Werkstatt ihres Vaters mitarbeiten, Ware ausliefern und Wolle zum Spinnen vorbereiten. Sie reißt sich an den scharfen Fäden die Finger blutig, wie sie später erzählt und erlebt bittere Armut.
"Im Schrank war kein Brot, und der Hunger tat so weh." Es ist die Zeit, in der die Textilindustrie der Heimproduktion mit modernen Maschinen den Garaus macht.

Luise Körner besucht die Volksschule, arbeitet später in einer Tabakfabrik und wird dann Kindergärtnerin. Dass sie als Arbeiterkind diesen Weg einschlagen kann, hat sie Johanna Goldschmidt zu verdanken. Die Hamburger Kaufmannsgattin ist Anhängerin des Reformpädagogen Friedrich Fröbel. 1860 gründet sie den Fröbel-Verein. Der hat das Ziel "junge Mädchen jeden Standes zu geschickten und gewissenhaften Kinderwärterinnen heranbilden zu lassen". Erziehungsziel Fröbels ist es, "freie, selbsttätige Menschen" zu bilden.

Das Erziehungsideal übernimmt die junge Webertochter, wie sich bald zeigt, auch für sich. 1890 heiratet sie den Hamburger Hafenarbeiter Carl Zietz, lernt über ihn die Sozialdemokratie kennen und wird 1892 Mitglied. Beim großen Streik der Hamburger Hafenarbeiter 1896/97 tritt Luise Zietz das erste Mal in Erscheinung.

Auf Frauenversammlungen wirbt sie für den Streik. Mit der neuen Strategie wollen Sozialdemokraten und Gewerkschaften verhindern, dass die Streikfront bröckelt, weil die Ehefrauen ihn nicht unterstützen. Schließlich bedeutet der Streik noch mehr Armut für ihre Familien. Luise Zietz ist eine so begabte Rednerin, dass sie fortan der "weibliche Bebel" genannt wird, nach dem damaligen Parteivorsitzenden August Bebel. Ihre Ehe allerdings zerbricht wegen ihres politischen Engagements.

"Verbotenes Terrain"
Hamburg, Große Theaterstraße, Bezirksbüro der SPD. "Ehefrau Zietz aus Hamburg, ca. 44 Jahre alt, 165 cm groß. Trug das Haar gescheitelt. Bekleidet war sie mit einem kleinen, runden Strohhut, roter Bluse und schwarzem Rock. Hat gelblichen Teint und macht den Eindruck, als gehöre sie dem Arbeiterstande an", berichtet ein Polizeispitzel 1906. Dank ihres rhetorischen Talents ist Luise Zietz inzwischen eine der erfolgreichsten sozialdemokratischen Agitatorinnen – und im Visier der Obrigkeit.

Das Vereinsrecht verbietet Frauen die Mitgliedschaft in politischen Parteien, aber das hält Luise Zietz nicht auf: "Wenn mir z.B. in Thüringen das Referieren verboten wird, spricht zunächst ein Genosse zehn Minuten, und ich spreche dann in der Diskussion anderthalb Stunden." Als 1908 Frauen endlich politischen Organisationen beitreten dürfen, wird sie Reichsfrauensekretärin und als erste Frau Mitglied des SPD-Parteivorstandes, zuständig für Frauenarbeit. August Bebel ist ihr Förderer.

"Her mit dem Frauenwahlrecht"
Luise Zietz schreibt und spricht darüber wie die Industrialisierung das Leben der Frauen verändert. Die Großindustrie habe "das alte kleinbürgerliche und kleinbäuerliche Familienidyll zertrümmert", schreibt sie 1911. Eine Entwicklung mit positiven Folgen für die Frauen: "Die anders geartete Arbeit und die andere Umgebung ... weiten ihren Gesichtskreis, heben ihren Intellekt". Aus ihrer Sicht ist es "gerade die Erwerbsarbeit, die sie (die Frau) vorbereitet, die sie empfänglich macht, sie gewissermaßen prädestiniert für den politischen Kampf". 

Sie sieht aber auch die "Hungerlöhne" der Arbeiterinnen, ihre "Überbürdung" durch die Doppelbelastung von Erwerbs- und Hausarbeit, sie fordert deshalb den 8-Stunden-Tag und Wöchnerinnenschutz. Politischer Kampf, damit meint Luise Zietz vor allem das Wahlrecht für Frauen.

Doch wählen gehen, gewählt werden ist im 19. Jahrhundert Männersache. Das sieht zunächst auch die Mehrheit der Sozialdemokraten so. Auf dem Arbeiterkongress in Gotha stellt August Bebel 1875 den Antrag, unter die dringlichsten Forderungen das Wahlrecht für Männer und Frauen aufzunehmen. Er unterliegt mit 55 zu 62 Stimmen.

Die sozialdemokratischen Frauen lassen sich nicht entmutigen. Nach dem Motto: "Können wir nicht wählen, so können wir doch wühlen!" beteiligen sich viele Frauen an den Wahlkämpfen sozialdemokratischer Landtags- und Reichstagsabgeordneter, so die Historikerin Gisela Notz. 1891 übernimmt die SPD die Forderung nach einem allgemeinen, gleichen, direkten Wahl- und Stimmrecht in Erfurt in ihr Programm und Luise Zietz wirbt fortan als eine der besten Sozialdemokratischen Rednerinnen dafür mit der Parole "Her mit dem Frauenwahlrecht".

Vollständige Gleichberechtigung
1919 wird Luise Zietz als eine von 37 Frauen in die Nationalversammlung gewählt. Bei der Debatte um die Weimarer Verfassung erhebt sie immer wieder ihre Stimme für die Frauen: Sie fordert erfolgreich das Recht von Beamtinnen, auch nach ihrer Verheiratung weiter berufstätig sein zu dürfen. Die "Gleichberechtigung der Frau schlechthin" hingegen erreicht sie nicht. In Artikel 109 der Weimarer Reichsverfassung heißt es: "Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten." Sie fordert das Wort "grundsätzlich" zu streichen, weil es die Rechte der Frau einschränkt, denn "in der praktischen Anwendung würde man dazu kommen, sehr oft die Frau von Betätigungen fernzuhalten". Sie setzt sich nicht durch, aber ihre Prognose stimmt. Ab 1923 müssen Beamtinnen nach der Heirat wieder ihren Beruf aufgeben.

Luise Zietz erlebt das nicht mehr. Mit ihr stirbt eine "der ersten deutschen Frauen, die für die politische Gleichberechtigung ihres Geschlechts gestritten haben" und eine "glühende Vorkämpferin für ihre Sache" so der Reichstagspräsident Paul Paul Löbe am Tag nach ihrem Tod. (sd)

Weitere Informationen über Luise Zietz finden Sie in dieser Broschüre [PDF, 3,5 MB]

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