Fahne zum 10. Jahrestag der ADAV-Gründung, 23. Mai 1873
Quelle: AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung

Wissen, wie das Leben ist

Welche Rolle spielt die Geschichte der SPD heute noch? Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und die Sozialwissenschaftlerin Barbara König diskutieren. Moderation von Uwe Knüpfer

Hatten Sie gerne Geschichtsunterricht?

Barbara König: Das war eines meiner Lieblingsfächer.
Sigmar Gabriel: Ich habe Geschichte sehr gemocht, schon in der Realschule. Als ich zum Gymnasium kam, wusste ich wahrscheinlich schon mehr über die Geschichte der Sozialdemokratie als mein Lehrer. Ich war ja bei den Falken und dort haben wir uns intensiv mit der Geschichte der Arbeiterbewegung beschäftigt.

Hat Geschichtswissen eine Rolle gespielt, als Sie der SPD beigetreten sind?

BK: Nicht unmittelbar. Eingetreten bin ich, um etwas gegen Rechtsextremismus zu tun. Es war die Zeit, als die Republikaner bei uns in Siegburg ins Stadtparlament kamen.
SG
: Bei mir gab es zwei Anlässe. Meine Freunde und ich wollten einen öffentlichen Jugendraum, und die Einzigen, die mit uns darüber diskutierten, waren Sozialdemokraten.

Das Zweite war, dass in diesem Jugendzentrum eine Solidaritätsaktion spanischer Jungsozialisten stattfand. Das war noch in der Zeit unter Franco. Die sammelten Geld, damit sie in der Illegalität eine Druckmaschine kaufen konnten. Dass da Falken und Jusos mitmachten, das hat mich damals sehr beeindruckt und zu den Falken gebracht. Der SPD bin ich erst später beigetreten.

Welches Ereignis aus der Geschichte der SPD ist für Sie persönlich das Bedeutendste?

SG: Die Rede von Otto Wels in der Kroll-Oper. "Freiheit und Leben könnt ihr uns nehmen, die Ehre nicht". Das zu sagen, wissend, dass, wenn die Reichstagsabgeordneten den Saal verlassen, sie von Verhaftung, auch von Tod bedroht sind, während alle anderen Hitlers Ermächtigungsgesetz zustimmen, das ist vielleicht der stolzeste Moment, den es in der Geschichte der Sozialdemokratie gegeben hat. Die erste Demokratie haben Sozialdemokraten mit ihrem Leben verteidigt – während die Konservativen und Liberalen sie verraten haben.
BK
: Noch letzte Woche hat ein Genosse im Ortsverein zu mir gesagt: Bei allem, was die SPD hier und da falsch gemacht hat in ihrer Geschichte – aber diese eine Rede von Otto Wels ist es wert, dass man immer wieder beitritt. Aber für mich ist auch die erste Rede einer weiblichen Abgeordneten im Reichstag, unserer Marie Juchacz, ein bewegender Moment.

Die Sozialdemokratie war ja zunächst eine Bildungsbewegung. Ist sie das heute noch?

SG: Jedenfalls ist eine gute Bildung einer der wichtigsten Beiträge, damit Menschen ein gelungenes Leben führen können. Und die SPD hat viel dafür getan. Ich selbst habe der Bildungsreform der 1970er Jahre der SPD in Niedersachsen zu verdanken, dass ich das Abitur nachmachen konnte. Vorher war es für Realschüler außerordentlich schwer.
BK
: Die SPD ist für mich die Bildungspartei. Unsere eigene Bildungsarbeit in der Partei könnte aber offensiver wahrgenommen werden.

Laut Olaf Scholz ist die SPD "die Partei der fleißigen Leute".

SG: Da hat er Recht. Wenn man sich die wachsende Spaltung der Gesellschaft anschaut und wie die Mittelschicht zerrieben wird, dann muss es doch das wichtigste Ziel der SPD 2013 sein, Armut zu bekämpfen – aber eben nicht nur durch Sozialleistungen, sondern vor allem dadurch, dass Arbeit wieder anständig bezahlt wird. Übrigens sind anständige Löhne auch der beste Schutz vor Altersarmut.
BK
: Armut ist weiblich. Insgesamt sind die sogenannten Frauenjobs unterbewertet. Ein Kfz-Mechaniker verdient mehr als eine Erzieherin, obwohl er sich um Autos und nicht um Menschen kümmert.

Weshalb ist das bis heute so? Die SPD war ja immerhin die erste Partei, die für Frauenrechte eingetreten ist.

SG: Weil die SPD im Kern als Industriearbeiterpartei männerdominiert war. Aber im Ernst: Die SPD ist schon lange kein "Männerverein" mehr: Hannelore Kraft und Malu Dreyer sind SPD-Frauen an der Spitze zweier Bundesländer. In der engeren Parteiführung der SPD gibt es zum ersten Mal mehr Frauen als Männer, dort steht es 5 zu 4 für die Frauen!
BK
: Vielleicht haben Frauen sich in der SPD zu oft auf Spielwiesen abdrängen lassen. Das ist heute anders.
SG: Der SPD fehlen heute nicht nur Frauen, sondern es fehlen ihr viele Berufs- und Altersgruppen. Die SPD hat als soziale Bewegung begonnen, aber sie wird seit langem als Teil des Staates wahrgenommen. Damit hat sich auch die Mitgliederstruktur der Partei geändert. Die Krankenschwester, der Handwerksmeister, die findet man in der Sozialdemokratie seit den 1970ern seltener. Deshalb ist die Öffnung der SPD, die wir ja seit zwei Jahren beraten und vorantreiben, so enorm wichtig. Wir brauchen wieder mehr Menschen im berufsaktiven Alter in der SPD. Mütter und Väter, Betriebs- und Personalräte, Selbstständige, Facharbeiter/innen, Ingenieure, Kranken- und Altenpfleger/innen, Erzieher/innen, Angestellte von Aldi. Die wissen am meisten über das Leben. Und nichts ist für die SPD wichtiger, als zu wissen, wie das Leben ist. Wir brauchen auch Organisationen wie die AWO: Sie haben Nervenenden in die Gesellschaft.

Bis 1933 war die Sozialdemokratie ja so etwas wie eine Gegenwelt. Diese Gegenwelt ist nach 1945 nicht wieder erstanden. Gäbe es heute die Chance, neue „Nervenenden“ wachsen zu lassen?

BK: Absolut. Was muss man tun? Zunächst dafür sorgen, dass Menschen sich kennenlernen. Viele SPD-Mitglieder sind aktiv in der AWO, dennoch weiß man oft wenig voneinander. Außerdem: Es gibt heute neue soziale Bewegungen – zum Beispiel Attac, – aber auch kleine Initiativen in Stadtteilen. Die SPD ist nicht immer beteiligt. Da müssen wir uns stärker öffnen.
SG
: Unsere Leute sind dann irgendwann im Stadtrat und im Landtag oder im Bundestag. Die sind dort enorm wichtig, aber wir brauchen auch Menschen, die in den Stadtquartieren unterwegs sind. Obama hat seinen Wahlkampf gewonnen über Leute, die von Tür zu Tür gegangen sind und gefragt haben, wo die Menschen der Schuh drückt.
BK
: Zeltlager, Jugendreisen haben an Attraktivität nichts verloren, wir müssen nur darauf achten: Wen nehmen wir mit? Und was kostet es? Mir hat noch vor ein paar Wochen eine Kita-Erzieherin gesagt: Ihr macht Super-Reisen, aber es ist mir zu teuer.
SG
: Ich plädiere sehr dafür, dass die Sozialdemokratie sich darauf besinnt, für wen sie da ist. Wir müssen natürlich eine Volkspartei bleiben. Aber für uns muss auch klar sein: Wir sind vor allem für Arbeitnehmer da, auch für Selbstständige und Handwerksmeister.

Die Geschichte der SPD ist gut dokumentiert. Wie bekommt man dieses Wissen aus den Regalen in die Köpfe?

SG: Nicht anders als vor 150 Jahren, als Lassalle in Leipzig begonnen hat. Man muss sich um Menschen und ihren Alltag kümmern. Die Menschen strömen nicht von selbst in unsere Versammlungen. Wir werden auch zu ihnen hingehen müssen. Dort, wo wir das tun, sind wir außerordentlich erfolgreich. Deshalb stellen wir wieder in fast allen Großstädten den Oberbürgermeister. Das sind alles Kümmerer. Und bei der Bundestagswahl 2013 geht es um die Alternative "Kümmerer-Partei" oder "Tu-nix-Koalition", denn CDU/CSU und FDP wollen die Realität in Deutschland und Europa ja gar nicht zur Kenntnis nehmen.
BK
: Wir alle können in unseren Familien, in der Nachbarschaft, im Betrieb deutlich sagen, dass man zur SPD gehört, und darüber reden, was wir durchgesetzt haben. Zum Beispiel Arbeitszeitverkürzung. Schon 1875 haben wir in Gotha gesagt: Wir wollen einen Normalarbeitstag, der den gesellschaftlichen Bedürfnissen entspricht. Das ist immer noch hoch aktuell.
SG: Wir müssen den Mut haben, Menschen wieder Hoffnung zu machen. Wenn Menschen nicht mehr daran glauben, dass sich Engagement lohnt: Das wäre das Ende der Sozialdemokratie. Ich glaube sogar, das Ende der Demokratie.

Barbara König ist Sozialwissenschaftlerin. Sie leitet als Geschäftsführerin das "Zukunftsforum Familie e.V." der AWO in Berlin.

Sigmar Gabriel ist seit 2009 SPD-Parteivorsitzender.

(Dieser Artikel ist ursprünglich erschienen im vorwärts-Sonderheft "Der lange Weg zu einem besseren Land. 150 Jahre Sozialdemokratie")

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