Gert Weisskirchen

„Das sollte wohl ein Zeichen sein“

von Gert Weisskirchen

Ulrich Albrecht, Professor an der Freien Universität Berlin, kannte ich seit den Vorbereitungen zur END Convention, die im April 1983 in (West-)Berlin stattfand. Die Jahreskonferenzen der blockübergreifenden Friedensbewegung waren hervorgegangen aus dem Appell, der von Edward P. Thompson, dem großen britischen Sozialhistoriker, als Aufruf zur Abrüstung in Ost und West mit dem Blick auf die bevorstehende Aufrüstung von atomaren Mittelstreckenraketen in enger Kooperation mit der Russell-Peace-Foundation initiiert worden war. Als Mitglied des transeuropäischen Verbindungskomitees von END (European Nuclear Disarmament) habe ich in Ostmitteleuropa – besonders in der CSSR, Polen, Ungarn und DDR – persönliche Beziehungen zu ´Dissidenten´ aufbauen und ausbauen können.

Nach der erneut gefälschten Wahl in der DDR im April 1989 und in Anlehnung an die polnische Entwicklung, beschleunigte sich der Trend zur internen politischen Selbstvergewisserung erheblich. In diesem Zusammenhang machte mich Ulrich Albrecht aufmerksam auf eine Gruppe, die sich mit sozialdemokratischen Ideen befasste.

Nach einigen Tagen der Klärung konnte ich am 10. Juni 1989 in der Wohnung von Ruth und Hans Misselwitz an einem Gespräch mit Martin Gutzeit und Sebastian Pflugbeil teilnehmen. Letzterer erläuterte die schwerwiegenden ökologischen Probleme in der sich die DDR befand. Mit einem herausragenden Fachwissen beschrieb er die wachsenden Umweltkonflikte und konnte auch rationale Lösungsansätze präsentieren.

Ruth berichtete über Aktionen der ´Frauen für den Frieden´ und über Spannungen zwischen der Kirche und die zunehmende Bereitschaft von Friedensgruppen, autonom zu handeln. Hans beeindruckte mit trennscharfer Analyse den Zustand der SED

und verglich ihre Schwäche mit den sich zuspitzenden Konflikten anderer Staaten des Warschauer Paktes.

Martin Gutzeit war gekommen, weil Markus Meckel terminlich an diesem Treffen verhindert war. Sein tiefsinniger Humor, gepaart mit philosophischem Witz und dem präzisen Blick auf das, was real möglich ist, war umwerfend: hart gegen das Unrechtsregime und zugleich in jedem Augenblick offen, damit das Humane gerettet wird. Martin war es, der mich schließlich mit seinem lärmenden Trabbi zur Bornholmer Straße fuhr. Am Ende eines denkwürdigen Nachmittags, ließ er, kurz vor meinem Grenzübertritt, den Motor seines Autos mehrfach aufjaulen. In den Lärm hinein fragte er mich unvermittelt, ob ich ein Statut der SPD besorgen könne. Ein Lachen, das aus der Tiefe seiner Seele empor zu steigen schien, begleitete seine Frage. Von der Seite blinzelte er mich verschmitzt an, fast so als säße ihm der Schalk im Nacken.

Was wollte Martin damit ankündigen? Wozu wollte er auffordern? Mich entließ er in den Westen, vielsagend im nicht Ausgesprochenen. In mir aber wuchs Neugier, was da kommen werde.

Das sollte wohl ein Zeichen sein für die Gründung der Sozialdemokratie in der DDR. 

Gert Weisskirchen war von 1976 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages.

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