Hans-Jochen Vogel
Quelle: dpa

„Freude und Stolz“

von Hans-Jochen Vogel

Der Vereinigungsparteitag vom 27. September 1990

In meinem langen politischen Leben habe ich kaum einen Zeitabschnitt erlebt, in dem sich die Realität in einem so unglaublichen Tempo verändert hat und der sich für mich mit so vielen emotionalen Empfindungen verbindet wie das zweite Halbjahr 1989 und das Jahr 1990. Eines der Ereignisse, die mich bis heute emotional bewegen, ist der Parteitag vom 27. September 1990 in Berlin, auf dem die Einheit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wieder hergestellt wurde. Im Mittelpunkt standen dabei die Reden von Willy Brandt und Wolfgang Thierse und die Verabschiedung eines feierlichen Manifestes.

Alle Mühen und alle Anstrengungen der vergangenen Tage, aber auch die Konflikte, die es in jener Zeit ja auch gegeben hat, verblassten in dieser Stunde. Freude und Stolz waren die beherrschenden Gefühle. Freude darüber, dass die SPD nun tatsächlich wieder die Partei aller auf deutschem Boden tätigen Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen, also wirklich wieder die Sozialdemokratische Partei Deutschlands war. Und stolz darauf, dass die SPD als einzige deutsche Partei seit ihrer Gründung im Jahre 1863 allen Anfechtungen und Verfolgungen zum Trotz ihre Kontinuität gewahrt hatte. Eine mitreißende Rede des damals schon neunzigjährigen Josef Felder – er war der letzte Überlebende von den 93 sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, die am 23. März 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt haben – machte diese Kontinuität besonders anschaulich.

Zwei Absätze des im Wesentlichen von Willy Brandt entworfenen Manifestes verdienen es gerade unter diesem Gesichtspunkt, hier noch einmal wiedergegeben zu werden. Sie lauten:

„Dreimal in der deutschen Geschichte wollte antidemokratische Gewalt die stabilste Stütze der deutschen Demokratie umreißen: 1878, 1933, 1946. Dreimal ist es misslungen. Alle, die sich vorgenommen hatten, die SPD zu vernichten, sind selbst von der Geschichte eingeholt worden.

Jedes Mal waren die Feinde der Sozialdemokratie auch die Feinde der Demokratie. Und jedes Mal sich die Idee der Sozialdemokratie als stärker erwiesen: Allen Bürgerinnen und Bürgern das Recht und die Möglichkeit zu geben, dass sie in demokratischer Freiheit leben und in sozialer Verantwortung über sich selbst bestimmen können.“


Wir sollten uns an diese Sätze nicht nur gelegentlich erinnern.

Hans-Jochen Vogel war von 1987 bis 1991 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

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