Manfred Stolpe
Quelle: dpa

Der Anfang vom Ende

von Manfred Stolpe

Für mich war die „Friedliche Revolution“ ein Prozess, der sich langsam anbahnte – und zwar spätestens mit Gorbatschows Machtantritt. Aus dem spöttischen „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ wurde ein Satz, den immer mehr Menschen mit heißem Herzen wiederholten. Damit stieg der Druck auf die DDR-Führung – und zwar sowohl von außen, von Gorbatschow aus, als auch von innen durch die wachsende Reformerwartung im eigenen Land. Diese Hoffnungen wurden zunehmend lauter artikuliert und 1987 gab es auch ein paar Anzeichen der Veränderungen. Damals reiste Honecker nach Bonn, die SED-Führung fraß Kreide, genehmigte zum Beispiel den nicht staatlich-organisierten Olof-Palme-Friedensmarsch. In jener Zeit wurden dann auch die Kernforderungen der Opposition immer klarer formuliert: Es ging um Reisefreiheit. Um Meinungsfreiheit. Und die Freiheit, sich in die eigenen Angelegenheiten einmischen zu können. Begriffe wie Demokratie tauchten nicht auf, es ging eher um weniger Bevormundung, zunehmend auch um eine effektivere Wirtschaft. Doch 1988 tauchte die DDR-Führung fast komplett ab und wurde im Ostblock immer stärker isoliert. Nichts wurde mehr entschieden und so entstand immer mehr eine Ruhe vor dem Sturm, fast eine Friedhofsruhe.

Mein persönliches „Wende-Erlebnis“ hatte ich dann schon im Januar des Jahres 1989. Zwischen Weihnachten und Neujahr gab ich in der Springer-Zeitung „Die Welt“ ein Interview über die Reiseregelungen der DDR. Dabei habe ich das Regime mit einer kleinen Nebenbemerkung kritisiert, dass die Regelungen nicht ausreichen würden. Das Interview hat Honecker wohl sehr verbittert. Und zwar so sehr, dass ich von nun an als „Klassenfeind“ abgestempelt wurde. Honecker hat dies dann über den ZK-Sekretär für Propaganda in allen Zeitungen, über Fernsehen und Rundfunk verbreiten lassen.

Solche Kampagnen hatte es in den Jahren zuvor schon öfter gegeben. Ziel war meist, jemanden mundtot zu machen oder ihn gar zur Ausreise zu drängen. Wenn eine solche Kampagne einsetze, war man in der DDR eigentlich ein „toter Mann“, als Unterhändler wäre man jedenfalls erledigt gewesen.

Doch dann, im Januar 1989, passierte etwas Ungewöhnliches. Noch am selben Tag, als ich die Meldungen über mich in der Zeitung las – und durchaus etwas geschockt war, meldete sich der Magistrat von Berlin bei mir. Auch das Außenwirtschaftsministerium und der Rat des Bezirkes Potsdam riefen an. Es ging dabei um verschiedene kirchliche und humanitäre Anliegen, die von mir dort lagen. Keiner der Anrufer nahm Bezug auf die Zeitung. Man teilte mir jedoch mir, dass meine Anträge alle in Ordnung gingen. Normalerweise hätten die das nicht machen können, die hätten einfach den Kopf einziehen müssen. Doch jetzt genehmigten sie verschiedene Sachen und teilten es mir offenbar nach Lektüre der Angriffe gegen mich mit. Insgesamt ein sehr außergewöhnlicher Vorgang. Damals dachte ich zum ersten Mal: das ist der Anfang vom Ende – wenn jetzt schon die Unterführer gegen den offiziellen Strom schwammen.

Dann ging alles Schlag auf Schlag. Es kam zu den Wahlbeobachtungen im Mai 1989 durch Oppositionsgruppen, es gab die Proteste gegen die offensichtlichen Wahlfälschungen. Es kam die Sangst vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking, im Sommer dann die immer größer werdende Zahl der Ausreisenden. Es folgte der 40. Jahrestag der DDR, die Montagsdemonstrationen, die Absetzung Honeckers.

Am Tag nach Honeckers Sturz traf sich der neugewählte SED-Chef Egon Krenz mit der Evangelischen Kirche. Er wollte uns mitteilen, was er vorhatte. Er sprach davon, das Wahlrecht zu ändern. Er wollte Oppositionsgruppen zulassen und andere Meinungen dulden. Er wollte die Wirtschaft effektiver machen. Und er kündigte uns an, dass bis Weihnachten alle Leute reisen dürften.

Am Abend des 9. Novembers gab es dann ein Treffen von Vertretern der Evangelischen Kirche, der SED,

der CDU, der LDPD und Oppositionsgruppen, einschließlich der neu gegründeten SDP. Es ging um die Vorbereitung des Runden Tischs. Ich saß im Podium, als mir ein Zettel hereingereicht wurde, dass Schabowski die Reisefreiheit verkündet habe. Ich habe das nicht dramatisch genommen, ich kannte ja die Ankündigung, dass das passieren solle. Ein paar Tage zuvor hatte uns der Ost-Berliner-OB das nochmals zugesichert, wenn auch ohne Datum. So war dies für mich eher ein „normaler Vorgang“. Bis ich dann erfuhr, dass in der Zwischenzeit die Menschen im Osten der Stadt den Schabowski Ernst nahmen und auf die Grenze zuliefen. Ich bekam Angst, dass die Situation eskalieren könnte – immerhin waren die Grenztruppen so eine Art Eliteeinheit. Und mir war klar, dass die an diesem Abend keine Befehle hatten, die Grenze zu öffnen. Und so war es ja auch. Das Politbüro hatte beschlossen, fuhr nach Wandlitz und war nicht mehr erreichbar. Und die Kommandeure an der Grenze wussten nicht, was los war. In jenen Stunden befürchtete ich, dass geschossen würde und die Friedliche Revolution möglicherweise auf einen Schlag verloren wäre. Später am Abend kriegte ich dann mit, dass der Kommandeur an der Bornholmer Sztraße den Schlagbaum geöffnet hatte und auch die anderen Grenzübergänge offen waren. Tief in der Nacht war ich dann in meiner Ost-Berliner-Wohnung, im 21. Stock: Unter mir war alles fröhlich und erleuchtet. Und ich habe tief und glücklich geschlafen. Denn die Unterdrückungsmacht hatte kapituliert und das Volk sich selbst befreit. Das war der offenkundige Sieg der Kerzenrevolution.

Manfred Stolpe war Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche in der DDR und Ministerpräsident des Landes Brandenburg.

Dieser Namensbeitrag erschien zuerst im Heft 42 August 2009 der perspektive21.

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