Regine Hildebrandt
Quelle: dpa

Mit Haut und Haaren gefordert: Wie ich zur SPD gekommen bin.

von Regine Hildebrandt

Als „Politikverweigerer“ haben meine Familie und ich die DDR überdauert: keine Mitgliedschaft in einer Jugendorganisation  (nicht mal Pionier oder FDJler), Parteimitgliedschaft ohnehin nicht, kein Wehrkundeunterricht für die Kinder usw.

Unsere evangelische Kirche, deren aktive Mitglieder wir waren, half dabei. Von Ferne sympathisierten wir als Ost-Berliner, geprägt durch Ernst Reuter und Willy Brandt, mit der SPD. Allerdings war uns durch das DDR-Parteiensystem eine Zugehörigkeit zu Parteien grundsätzlich suspekt. Unsere Herzen schlugen für die entstehenden Bürgerbewegungen: In „Demokratie jetzt“ wurden mein Mann und ich im September 1989 aktiv.

Der schnelle Fortgang der gesellschaftlichen Umwälzung machte uns klar, dass für den Fall freier Wahlen in der DDR auch neue Parteien etabliert werden mussten: Die ersten Unterlagen zur neuen SDP, die wir erhielten, boten keinen direkten Zugang: Wir kannten Ibrahim Böhme nicht. Aber als sich nach der Gründung der SDP in Schwante am 7. Oktober 1989 herausstellte, dass ein Kollege meines Mannes in der Evangelischen Vertragsanstalt Berlin, Thorsten Hilse, zu den Gründungsmitgliedern gehörte, suchten wir hin sofort auf und traten noch in der ersten Woche der SDP bei – wir wollten sie finanziell unterstützen, ihren Aufbau fördern, aber eigentlich „bürgerbewegt“ weiterarbeiten!

Demzufolge waren wir im Oktober 1989 intensiv für „Demokratie jetzt“ tätig. Dieser Zustand sollte allerdings nicht lange währen: Am 5. November 1989 fand nach dem Gottesdienst in der Sophienkirche in Berlin-Mitte die Gründung des SDP-Bezirksverbandes Berlin (Ost) statt (und die dauerte bis 21 Uhr – wir waren sehr basisdemokratisiert!), und es war sehr deutlich zu sehen, wie wenig Menschen bisher dabei waren. Wir mussten also in der SDP mit ran!

Meine Schwägerin wurde in den Landesvorstand gewählt, mein Schwager wurde ein stellvertretender Kreisvorsitzender, mein Mann ging an den Runden Tisch des Rundfunks der DDR.

Ich hielt mich zurück: Ich war gerade Betriebsratsvorsitzende meiner Zentralstelle für Diabetes in Berlin geworden und wollte unbedingt als Biologin beider Betreuung von Diabetikern weiter arbeiten, weil ich die neuen Möglichkeiten, aber auch die Systemschwierigkeiten für diese Form der Betreuung in der Umbruchzeit deutlich sah.

Unsere SDP-Arbeit bestand aus improvisierten SDP-Versammlungen (in Wohnungen!), vielen Diskussionen und Demonstrationen: im November vor der CSSR-Botschaft, im Dezember vor der Rumänischen Botschaft, in Ost-Berlin für die Demokratisierung in diesen Ländern.

Und dann kamen die Nominierungen für die erste frei gewählte Volkskammer im Frühjahr 1990 – und ich war fällig! Ich wollte eigentlich keine hauptamtliche politische Arbeit machen und kandidierte aus Einsicht in die Notwendigkeit und in dem Glauben, ich würde beides miteinander kombinieren können: Fachberuf und Abgeordnetentätigkeit. Das erwies sich bald als Illusion.

Der Wahlkampf war improvisiert – allerdings mit einer tollen Veranstaltung mit Hans-Jochen Vogel im Colloseum in Berlin, bei der außer mit auch Wolfgang Thierse und Tino Schwirzina erstmalig in größerer Öffentlichkeit auftraten. Trotz der für uns niederschmetternden SPD-Ergebnisse zog ich als Zweitplatzierte der Bezirksliste am 18. März 1990 in die Volkskammer ein. Die schwere Entscheidung der SPD-Fraktion, eine Koalition einzugehen, führte dazu, dass in der Regierung de Maizière auch Ministerposten zu besetzen waren – und innerhalb weniger Tage war ich „Minister für Arbeit und Soziales“

für die SPD – und damit von einem Tag zum anderen weg von meiner Facharbeit – und voll in der Politik.

Die schnelle Entwicklung und die großen Probleme des Jahres 1990 in der DDR haben mich dann mit Haut und Haaren gefordert . und als die Koalition zerbrach, war ich geradezu verzweifelt, dass wir als SD den Einigungsvertrag nicht intensiver beeinflussen konnten. Hier entstand bei mir der dringende Wunsch, die wichtigen Erfahrungen der ersten Monate zugunsten der Ostler einzusetzen – und zwar im Osten und nicht in Berlin, nicht im Bundestag! Das Ergebnis der Landtagswahlen 1990 in Brandenburg machte es möglich – für mich als Landtagsabgeordnete und Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen.

Regine Hildebrandt (1941-2001) war 1990 Ministerin für Arbeit und Soziales in der Regierung de Maizière und von 1990 bis 1999 Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen des Landes Brandenburg. Der Text entstand 1999.

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