Ernst Reuter
Quelle: picture-alliance / ZB

Ein Ex-Kommunist wird zur Stimme der Freiheit

Als er Stalin die Stirn bietet, wird Ernst Reuter zum Helden Berlins und der freien Welt. Dabei war er Mitbegründer der KPD, sogar deren Generalsekretär. Er kannte Lenin, Stalin und Trotzki persönlich. Gerade deshalb war er ein eingefleischter Sozialdemokrat.

Ernst Reuter ist einer der 94 sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, die am 23. März 1933 "Nein" sagen zu Hitlers "Ermächtigungsgesetz". Dafür wird er verhaftet und übel misshandelt. Russische Gefängnisse und Lager hat er schon früher kennengelernt.

Niemand hätte die Phantasie gehabt, eine solche Lebensgeschichte vorherzusagen, als Ernst Reuter am 29. Juli 1889 in eine solide norddeutsche Bürgerfamilie hineingeboren wird. Sein Vater ist Lehrer an der Königlich Preußischen Navigationsschule, seine Mutter eine Pfarrerstochter. Sohn Ernst soll, nach einem Studium in Marburg und München, eigentlich auch Lehrer werden. Er tritt auch zunächst, ganz brav, einer Studenten-Verbindung bei.

Der Bürgersohn schlägt aus der Art
Aber w
ährend des Studiums erwärmt sich Reuter für die Idee des Sozialismus, damals gleichbedeutend mit Sozialdemokratie. Als seine Eltern davon erfahren, entziehen sie ihm die Unterstützung. Doch ihrem Sohn ist es ernst. Er weigert sich, eine Karriere im preußischen Staatsdienst ins Auge zu fassen. Er engagiert sich für die internationale Friedensbewegung. 1912 tritt er der SPD bei.

Das Jahr 1912 ist für die Generation Reuters, was 1972 für die Generation der sogenannten 68er sein wird. Die Sozialdemokratie erfährt ungeheuren Zulauf. Die SPD hat fast eine Million Mitglieder. Sie wird zur stärksten Partei im Reich. Sie widersetzt sich, im Bund mit der Sozialistischen Internationale, der verbreiteten Kriegshetze und wirbt für die Völkerverständigung.

Reuter schlägt sich als Hauslehrer und Agitationsredner durch. Die Eltern seiner Verlobten lösen die Verbindung, als sie von dessen Eltern erfahren, dass ihr angehender Schwiegersohn Sozialdemokrat ist.

Das Alte, Morsche setzt sich durch - In Europa gehen die Lichter aus
1914 bleibt nichts vom vermeintlichen Triumph der Sozialdemokratie. Europa versinkt in einem nationalen Rausch der Kriegsbegeisterung. Auch die SPD-Reichstagsfraktion lässt sich schließlich dazu bewegen, dem Kaiser Kriegskredite zu bewilligen.

Als konsequenter Kriegsgegner gehört Reuter zu den Gründern des Bundes Neues Vaterland. Der BNV setzt sich in Denkschriften vergeblich für ein rasches Kriegsende und einen Zusammenschluss der Völker Europas ein.

1915 wird Reuter zum Kriegsdienst eingezogen. 1916 erlebt er den Ersten Weltkrieg zunächst an der West-, dann an der Ostfront. Dort wird er im August 1916 schwer verwundet. Seither hinkt er.

In der Kriegsgefangenschaft lernt Reuter Russisch. Die zwei russischen Revolutionen des Jahres 1917 erlebt er als Gefangener. Er begeistert sich für den Elan der  Bolschewisten - deren Sieg er auch die Befreiung aus der Lagerhaft zu verdanken hat.

In Lenins Auftrag wird Reuter Kommissar
Lenin und Stalin beauftragen Reuter 1918, die Wolgadeutschen f
ür die Sowjetmacht zu gewinnen. Als Kommissar für deutsche Angelegenheiten baut er, praktisch aus dem Nichts, eine halbwegs funktionierende Verwaltung auf und überwacht die Sozialisierung der Landwirtschaft im wolgadeutschen Gebiet.

Als im November 1918 der deutsche Kaiser "abdankt" und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die Republik ausruft, schickt die Sowjetführung Reuter nach Deutschland. Dort nimmt er am Gründungskongress der KPD teil. Der Auftrag: Umwandlung Deutschlands in eine Räterepublik nach sowjetischem Vorbild. Reuter wird nach Schlesien geschickt, um dort eine Parteiorganisation aufzubauen. Er wird verraten, verhaftet und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Als Reuter im Oktober 1919 nach Berlin zurückkehrt, sind die führende Köpfe der KPD - Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg - Morden zum Opfer gefallen. Reuter wird in die engere Parteiführung aufgenommen und 1921 zum Generalsekretär der KPD gewählt.

Bruch mit der KPD
In der Partei toben w
ütende Debatten über die richtige Haltung zur jungen deutschen Republik. Reuter wandelt sich sich vom Republik-Gegner zu deren Befürworter. Auch stößt ihn die Bevormundung durch die Moskauer KOMINTERN zunehmend ab.

Im November 1921 unternehmen Wilhelm Pieck und andere einen ersten, erfolglosen Versuch, Reuter zu entmachten. Als dieser eine schonungslos offene Diskussion über kommunistische Sabotageakte fordert, schafft die Partei das Amt des Generalsekretärs kurzerhand ab; wohl auf Weisung der KOMINTERN.

Im Januar 1922 wird Reuter aus der Partei ausgeschlossen. Er kehrt zur SPD zurück und wird bei der Parteizeitung "Vorwärts" Redakteur für Kommunalpolitik. Nebenher beobachtet er kritisch die Weiterentwicklung der KPD. 1923 wirft er seinen früheren Genossen vor, sie verherrlichten den Einsatz von Gewalt. Als die KOMINTERN schließlich die Sozialdemokratie zum "Hauptfeind" erklärt, hat sich Reuter zum überzeugten Antikommunisten und Verteidiger der Demokratie gewandelt.

Dank Reuter wird Berlin mobil
1926 wird er in Berlin Stadtrat f
ür das Verkehrswesen. Reuter geht beherzt zur Sache und legt den Grundstein für das noch heute funktionierende Berliner Nahverkehrssystem. 1928 erwirkt er den Zusammenschluss diverser Verkehrsbetriebe zur Berliner Verkehrs AG (BVG). Reuter ist davon überzeugt, dass Mobilität eine unverzichtbare Bedingung nicht nur für den wirtschaftlichen Aufschwung der Millionenstadt ist, sondern auch für die Emanzipation der Arbeiterschaft: Busse und Bahnen müssen schnell, zuverlässig und preiswert sein.

1931 wird Reuter Oberbürgermeister von Magdeburg und erweist sich auch dort als glänzender, pragmatischer Organisator. Er treibt, so gut dies in Zeiten der Weltwirtschaftskrise möglich ist, den Ausbau der städtischen Infrastruktur voran, bei gleichzeitiger Sanierung der Stadtkasse.

1932 wird Reuter erstmals auch in den Reichstag gewählt. Dort stimmt er am 23. März 1933 zusammen mit allen anderen noch nicht verhafteten oder geflohenen SPD-Abgeordneten gegen Hitlers "Ermächtigungsgesetz", mit dem sich das Parlament selbst entmündigt.

Zusammengeschlagen, verhaftet, gedemütigt
Reuter ist zugleich Mitglied des s
ächsischen Provinziallandtags. Als der am 30. Mai 1933 zusammentritt, prügeln NSDAP-Mitglieder die SPD-Abgeordneten, darunter Reuter, krankenhausreif zusammen. Das Magdeburger Rathaus darf er schon seit März nicht mehr betreten. Am 8. Juni wird er verhaftet, wenig später formal aus dem Staatsdienst entlassen und schließlich im KZ Lichtenburg schwer misshandelt.

Im Januar 1934 aus der Haft entlassen wird Reuter schon im Juni erneut inhaftiert - und wieder misshandelt. Seitdem hört er schlecht, auch seine Lunge ist angeschlagen. Im September kommt er dank des Einsatzes seiner (zweiten) Ehefrau wieder frei und kann mit seiner Familie über Großbritannien in die Türkei emigrieren.

Zehn Jahre lebt und arbeitet Reuter im türkischen Exil - unter der Auflage, sich nicht politisch zu betätigen. Er hilft bei der Reform der türkischen Bahnbetriebe und lehrt ab 1938 in Ankara Kommunalpolitik an der Hochschule für politische Wissenschaften. Er gilt bis heute als Begründer der modernen Urbanistik in der Türkei. Er lernt nun auch Türkisch zu sprechen.

Rückkehr in ein zerstörtes Land
Als sich die Niederlage Hitler-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg abzeichnet, bereitet Reuter sofort seine R
ückkehr nach Deutschland vor. 1946 kommt er nach Hannover und nimmt Kontakt zum Büro Kurt Schumacher auf. Von dort geht er Ende 1946 nach Berlin und wird - mitten im seither berüchtigten Hungerwinter 1946/47 - erneut Stadtrat für Verkehr (und Versorgungsbetriebe) - diesmal in einer völlig zerstörten Stadt. Es gilt, die größte Not zu lindern - in Kooperation mit den Besatzungsmächten, aber im Zweifel auch unter großzügiger Auslegung ihrer Anweisungen.

Im Ostsektor der Stadt betreibt die KPD auf Moskauer Weisung die Zwangsvereinigung mit der SPD - um sich eine "Massenbasis" zu sichern. Die Sozialdemokraten in den Westsektoren verweigern sich diesem Kurs. Als Oberbürgermeister Otto Ostrowski dennoch mit der SED kooperiert, betreibt die SPD dessen Sturz - und wählt Reuter am 24. Juni 1947 zum Oberbürgermeister.

"Ihr Völker der Welt...!"
Weil die Sowjets in der Alliierten Milit
ärkommandantur ihr Veto einlegen, führt Louise Schröder offiziell die Geschäfte des Stadtoberhaupts. Reuters große Stunde schlägt, als die Sowjets im Juni 1948 eine Blockade über die Westsektoren Berlins verhängen. Reuter versammelt die Berliner hinter sich und bewegt die USA zur Einrichtung einer Luftbrücke. Vor 300.000 Menschen hält er am 9. September 1948 eine Rede, die ihn weltberühmt macht: "Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!"

Reuter wird zur Stimme Berlins und zugleich der freien Welt. Stalin muss schließlich einlenken, die Blockade ist gescheitert.  In den nächsten Jahren treibt Reuter - inzwischen Oberbürgermeister, Schließlich "Regierender" des Westteils der Stadt - die möglichst enge Bindung Berlins an die Bundesrepublik voran. Er gehört dem Parlamentarischen Rat an, der das Grundgesetz entwirft. Er will Berlin zum Schaufenster des Westens ausbauen - gemäß der "Magnettheorie", wonach die Überlegenheit des westlichen Modells die DDR schließlich obsolet werden lässt. Er betreibt die Gründung einer "Freien Universität".

Reuter wird Recht behalten. Allerdings erst 1989, lange nach seinem Tod. Er stirbt drei Monate nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 an Herzversagen. Er wird nur 64 Jahre alt. Aber seine Politik hat Bestand. (uk)

Lesetipps:

David E. Barclay und Ilse Utz, Schaut auf diese Stadt: Der unbekannte Ernst Reuter. Siedler 2000

Reiner Möckelmann, Wartesaal Ankara. Ernst Reuter - Exil und Rückkehr nach Berlin, BWV 2013

Peter Brandt, 1948 - Jahr der Entscheidungen. Ernst Reuter und der Weg in den Kalten Krieg,  be.bra wissenschaft verlag 2012

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