Deutschlandfest
Quelle: Paul Bahlmann

Tag 2 des Deutschlandfestes. "Totgesagte leben länger"

"Wir bedanken uns bei 500.000 Besuchern des Deutschlandfestes" steht am Nachmittag auf den Großleinwänden entlang der Straße des 17. Juni. Der Erfolg der SPD-Geburtstagsfeier in Berlin hat die kühnsten Erwartungen weit übertroffen.

Roland Kaiser singt. Barbara Hendricks kündigt ihn an und verrät, Kaiser sei SPD-Mitglied: "Wenn man erfolgreich ist und eine Seele hat, wird man Sozialdemokrat."

"Man kann Wahlen drehen," versichert derweil Frank Stauss in der letzten Diskussionsveranstaltung des Deutschlandfestes. Stauss ist ein versierter Werbemann. Für die Agentur Butter hat er Gerhard Schröders 2005er Wahlkampf organisiert - und ein Buch darüber geschrieben: "Der Höllenritt". Daraus liest er hier und heute vor, in der Debatten-Arena.

Stauss schildert die Ausgangslage zehn Wochen vor der Bundestagswahl. Die Demoskopen sehen die Union bei 49 Prozent, die SPD bei 26. "Die Medien haben unsere Kampagne für tot erklärt, wir waren staubiger als das ZDF." Am Ende fehlte nicht viel und die SPD hätte vor der Union gelegen. Stauss, selbst Sozi seit Kindertagen, erklärt das Offenkundige: "Man sieht die Parallelen."

"Sie erleben hier die Wahrheit" 
An den Bänken und Tischen auf der Sozi-Meile wird über den gestrigen Tag gesprochen, über ein Fest, wie es die SPD noch nie gefeiert hat – und keine andere deutsche Partei es feiern könnte. Und über das mediale Echo wird gesprochen. Den sauberen Bericht der Tagesschau, aber auch über schnoddrige Verrisse im Internet; über Kommentare, in denen sich der Unwillen hinzusehen mit Überheblichkeit paart.

Am Rande des Lesezelts interviewt ein ARD-Reporter Sigmar Gabriel. Zehn, zwanzig Neugierige stehen drumherum. Die Frage des Reporters zielt auf eine Große Koalition. Buh-Rufe aus dem Publikum. Gabriel beklagt ins Mikrofon hinein, dass Journalisten "nicht nach den Themen fragen", sondern nur O-Töne und Bilder für Geschichten suchten, die sie im Kopf schon mitgebracht haben. Kräftiger Applaus des Publikums. "Sie sollten nicht immer voneinander abschreiben!" ruft einer dem sichtlich verstörten ARD-Team zu. Sigmar Gabriel erklärt: "Sie erleben hier die Wahrheit."


"Was denen nicht passt, wird nicht gesendet"
Das Team klappt ein. Ob der Beitrag wohl gesendet wird? Die Zuhörer, die noch lange miteinander diskutieren, haben Zweifel

daran. "Was denen nicht ins Bild passt, senden die nicht." Ein anderer: "Außerdem hat der Reporter eine schlechte Figur gemacht, das wird denen peinlich sein."

Dass ein paar Meter weiter Andrea Nahles mit Schülerinnen und Schülern und sonstigen Interessierten über die Tiefen und Höhen der Bildungswelt diskutiert, ernsthaft und ohne jemandem nach dem Mund zu reden – "Ja, ich bin dafür, dass die Bundeswehr in Schulen für sich wirbt"; damit die Streitkräfte nicht denen überlassen blieben, die sich für Waffen begeistern – befriedigt offenbar nicht die Neugier der Kamerateams.

Gabriel hat kurz zuvor das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten vorgelesen. Gemeinsam mit Peer Steinbrück, Frank-Walter Steinmeier und Barbara Hendricks. Die Troika mit Dame: Das ist verdaulicheres Futter für Medien, denen Unterhaltung wichtiger ist als Information. Und gute Unterhaltung wird ihnen geboten, ihnen vielleicht mehr als den zwei, drei Dutzend Kindern im Publikum.

"Der Hahn ist Peer"
Gekonnt und voller Ironie werfen die vier sich verbale Bälle zu, spielen sie mit medialen Klischees. Sigmar Gabriel: "Der Hahn ist Peer." Peer Steinbrück: "Ich bin dankbar, dass Frank den Esel übernommen hat." Barbara Hendricks: "Nachdem den Jungs klar war, dass sie doch noch ne Frau brauchten, kamen sie auf mich."

Frank-Walter Steinmeier beginnt zu lesen und kommt bald zu der Stelle, wo die Tiere dem Hahn begegnen: "Du hast eine gute Stimme und wenn wir zusammen musizieren, muss es eine Art haben."

Steinbrück: „....Kikeriki!“

Nach Lachern und Applaus am Ende verrät Sigmar Gabriel "die Moral von der Geschicht’: Totgesagte leben länger."

Frank Stauss übrigens wird dann noch nach seinem Rat für den aktuellen Wahlkampf der SPD gefragt. Seine Antwort kommt prompt: „Das Beste, was für die Partei passieren konnte, ist gestern und heute hier passiert.“ (uk)

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Altbundeskanzler Helmut Schmidt stirbt. Er wird 96 Jahre alt. Schmidt hat die deutsche Politik geprägt wie kaum ein anderer, als Senator in Hamburg, als Minister unter Willy Brandt und von 1974 bis 1982 als Bundeskanzler.

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